Film, 1:07:06
CN: kein CN
Achtung, Spoiler.
Marlon Brando im Krieg
„Die Männer“ ist ein Film von Fred Zinnemann aus dem Jahr 1950 mit Marlon Brando in seiner ersten Filmrolle (bevor er den Film A Streetcar Named Desire gemacht hat). Da der Film also schon über 70 Jahre alt ist, muss man ihn im Kontext der Zeit, damaligen Filmen, Moden und gesellschaftlichen Themen sehen. Aus heutiger Sicht erscheint er ggf. etwas langsam und äußerst dialogreich, aber hat man das 1950 auch so empfunden?1
„Die Männer“ beginnt mit einer langen Introsequenz, in der kein Wort gesprochen wird, man hört nur Getrommel, eine Marschmelodie. Namenlose Soldaten ziehen über eine leere Landschaft. Der ganze Film ist in eindrücklichem Schwarz-Weiß (Farbfernsehen gibt es in Amerika seit 1954). Nur von einem Soldaten sieht man nähere Aufnahmen, man kann sein Gesicht erkennen. Er führt die Gruppe an, wirkt ruhig und durchdacht. An einer Häuserwand dreht er den Rücken zur Kamera, für eine Sekunde unvorsichtig, und bekommt sofort einen Schuss von einem Sniper ab. Er liegt im Staub, unfähig, sich aufzurichten, weiteren Schüssen wehrlos ausgeliefert. Eine Stimme auf dem off setzt ein, es ist der Soldat, den wir grade gesehen haben. Rückblickend spricht er über dieses Ereignis. „(…) He must have aimed for my head, but he got me in the back instead. I was scared, I couldn´t feel anything from my waist down. I thought I was dying…“
Ein Cut und der Zuschauer sieht den selben Soldaten in einem Krankenhausbett. Man nimmt an, dass einige Zeit vergangen ist. Er liegt in einem dunklen Zimmer und schläft. Man erkennt nur Silhouetten, der Rest bleibt in der Dunkelheit verborgen. Die Stimme erzählt weiter. „ `Oh, you be walking again in a couple of months, Lieutenant Wilchek.´ How many months? How many months? I´ve lost count…“
Der verletzte Soldat liegt im Krankenhaus und wartet auf Heilung oder eine Veränderung. Wann wird es gut, wann darf er nach Hause? Er wacht auf, er verkrampft sich vor Schmerzen und ruft die Krankenschwester. Sie gibt ihm ein Schmerzmittel, hebt seinen Silver-Star2 auf, der achtlos auf dem Boden liegt. Er will nur, dass sie das Licht ausmacht.

Es gibt in Kriegs-, bzw. Antikriegsfilmen oder Filmen, die sich mit den physischen und psychischen Auswirkungen von Krieg (meistens auf Soldaten) auseinandersetzen, sehr oft mindestens eine Situation, in der eine gewonnene Auszeichnung als „leer“ „unbedeutend“ oder sogar als „Hohn“ empfunden wird, da sich niemand mehr nach dem Krieg für den Zustand der Soldaten interessiert. Sie wissen, sie müssen alleine klarkommen mit ihren Traumata, Verletzungen, zerstörten Körpern, der gesellschaftlichen Ausgrenzung usw. Sie müssen mit dieser wahnsinnigen Enttäuschung leben, ihre Gesundheit weggegeben zu haben. Ihr Leben ist zerstört, aber der Krieg ist gewonnen (oder, im schlimmsten Fall, verloren) und es interessiert niemanden mehr. Mehr noch, die Erinnerung an den Krieg stört die über-friedvolle, über-idealisierte, künstlich heile Nachkriegswelt. All das drückt diese kurze, sehr gute Szene zu Beginn der Geschichte aus. Die Medaille, die von dem unter Schmerzen im Krankenhaus liegenden Soldaten weggeworfen wurde, als letztes Trotzen der unerträglichen, fremdbestimmten Situation.
In der nächsten Szene lernt der Zuschauer Dr. Brock kennen, neben dem noch namenlosen Soldaten die zweite Hauptfigur. Er erklärt einer Gruppe von Frauen den Zustand der Patienten, es geht um Querschnittslähmung, die in Folge einer Rückenmarksverletzung (in diesem Fall eine Kriegsverletzung) auftritt. Im Militärkrankenhaus unter der Leitung von Dr. Brock wird versucht, diesen Zustand zu therapieren. Querschnittslähmung scheint auch die Diagnose des uns schon bekannten Soldaten zu sein.
Dr. Brock tritt intelligent und einfühlsam gegenüber den Frauen auf. Manche sind die Ehefrauen der Soldaten, manche ihre Mütter. Manche Soldaten sind sehr jung, noch Teenager. Auch der uns schon bekannte Soldat ist höchstens Ende Zwanzig. Die Frauen haben viele Fragen, sie scheinen sich mit dem Thema nicht auszukennen. Dazu muss man sagen, dass Querschnittslähmung in den 1950er Jahren, in denen der Film vermutlich spielt (der angedeutete Krieg soll wohl der Zweite Weltkrieg sein), noch ein relativ unerforschtes Feld war. Während man heute bei Paraplegie (das ist der Fachbegriff für Querschnittslähmung) nicht mehr von einer lebensbedrohlichen Situation ausgeht, war das vor ca. 70 Jahren noch eine ganze andere Sache. Vor dem Zweiten Weltkrieg überlebten Menschen mit einer Rückenmarksverletzung keine drei Monate und ihre „Behandlung“ war eher ein „erträglich machen“ der Lebenslage bis zum Tod3. 1930 gab es in Boston eine erste, kleine Abteilung zur Behandlung von Querschnittslähmung. Ludwig Guttmann (1899–1980), ein jüdischer Arzt, der 1939 vor den Nazis nach England geflohen war, entwickelte in den darauf folgenden Jahren ein neues Behandlungskonzept, das sich ab 1945 verbreitete und die Lebensqualität von querschnittsgelähmten Menschen erheblich verbesserte. Der wichtigste Aspekt dabei war „körperliche Ertüchtigung“ (Sport). Bis Dr. Guttmann mit diesem Konzept auf Anklang stieß, wurden querschnittsgelähmte Menschen wie schwer Kranke behandelt, das heißt, sie lagen den ganzen Tag im Bett, bis sie im schlimmsten Fall Druckgeschwüre entwickelten und nach kurzer Zeit ziemlich qualvoll starben. Ludwig Guttmann ist übrigens auch der Erfinder der Paralympics4. Die Lage der Männer im Film ist also sehr viel ernster und eine Behandlung sehr viel neuer, als man es als Zuschauer mit dem heutigen Wissen vermutlich annehmen würde.
Ellen weiß, was sie will
Am Ende seines Vortrages wird Dr. Brock von einer jungen Frau angesprochen, die auch im Publikum saß. Sie sei auf der Suche nach ihrem Verlobten, ob er ihr helfen könne? Ellen Wilosek ist äußerst bestimmt und lässt sich nicht abwimmeln. Sie zeigt die Charakterzüge des klassischen Girl-Next-Door, ist aber nicht in dieser Position5. Ellen ist hübsch, aber ihr Aussehen steht nicht im Vordergrund. Vor allem ist sie selbstbewusst und kann gut argumentieren. Dies ist schon das dritte Krankenhaus, in welches sie ihrem (Ex-)Verlobten hinterher reist. Sie möchte ihn sehen, auch wenn er den Kontakt verweigert.
„What do you want to do?“, fragt Dr. Brock.
„I want to marry him.“
„Why?“
(Ellen erstaunt) „Why? For the usual reasons.“
„Do you have parents?“
„Yes.“
„Do they feel as you do?“
„Why shouldn´t they? Anyway, they´re not engaged to him, I am.“
Neben dem Soldaten, Ken(neth), „Bud“, Wilchek, und Dr. Brock ist Ellen Wilosek die dritte Hauptfigur in „Die Männer.“ Man kann sie auch aus heutiger Sicht noch als starke Frauenfigur betrachten. Sie ist selbstständig, trifft ihre eigenen Entscheidungen. Sie weiß, was sie möchte (Ken heiraten) und lässt sich davon nicht abbringen, auch wenn Ärzte, ihr Vater und die Gesellschaft ihr weiß machen wollen, dass eine Ehe mit einem Paraplegiker keine gute Idee ist und Ken nur eine Last für sie sein wird.

Aus heutiger Sicht ist es durchaus fraglich, ob die Ehe wirklich die „beste“ Form des Zusammenlebens ist. 1950 wurde diese Frage aber nicht gestellt. Es war hier eher fortschrittlich, dass eine Frau von sich aus erklärt hat, dass sie einen behinderten Kriegsveteranen „immer noch“ heiraten möchte, selbst wenn er seine gesellschaftlich von ihm verlangte Rolle als Versorger der Familie gar nicht mehr, oder zumindest nicht mehr so gut, erfüllen kann. Die Aussichten auf das gemeinsame Leben in einer Welt, die nicht für behinderte Menschen gebaut ist (1950 noch viel weniger als heute), sind dazu nicht besonders rosig. Auch die Frage nach gemeinsamen Kindern steht im Raum und Dr. Brock kann Ellen keine eindeutige Antwort geben, ob es für Ken möglich sein wird. Ellen muss also auch mit dem Risiko leben, eventuell kinderlos zu bleiben, wenn sie sich für Ken entscheidet.
„Elly, go away, please. What is it with you, don´t you see, it´s all over?“, fragt Ken, als die Beiden schließlich doch aufeinander treffen. Es ist mit eine der stärksten Szenen im Film. Er liegt im Bett im Krankenhaus, buchstäblich mit dem Rücken zur Wand, sie steht über ihm. Er ist verzweifelt, er möchte nicht, dass sie ihn so sieht. Er fühlt sich machtlos, kann der Situation nicht entkommen und verdeckt in seiner Verzweiflung das Gesicht mit den Händen. Sie hat ihn überrascht, ihn in die Ecke getrieben, obwohl alles getan hat, um diese Situation zu vermeiden. Er weint, er sagt „Alright, I give you what you want“ und schlägt die Decke zurück, damit sie seine nutzlosen Beine sehen kann. Er hat Angst vor ihrer Reaktion. Sie möchte ihn trösten, doch sie werden unterbrochen. Eine Gruppe feiernder Hochzeitsgäste kommt in den Saal und stört ihre Intimität ausgerechnet an dieser Stelle. Sie sieht zu den Gästen und er schaut sie an, für eine Sekunde. Als sie sich ihm wieder zuwendet, kneift er überfordert und schnell die Augen zu, es ist ihm alles zu viel.
Ellen schreckt nicht vor Kens Ängsten zurück, im Gegenteil: sie verhandelt mit ihm über ihre gemeinsame Zukunft. Sie argumentiert, sie versucht, ihn mit Worten zu überzeugen. Sie möchte ihn nicht gehen lassen, sie lässt sich nicht mit einem „Geht nicht“ abspeisen. Sie setzt sich für ihn ein, kämpft um ihn. Selbst als er ihr sagt, dass es keine Chancen auf Verbesserung bei ihm gibt und dass er nie wieder laufen wird, gibt sie nicht auf. Für sie ist es nicht so relevant. Sie ist einfach froh, dass er nicht gestorben ist. Alles andere lässt sich ihrer Meinung nach irgendwie regeln.
„I worked all through the war, I´m working now.“
„Honey, what would I be doing? I go back to school on an athletic scholarship, I get a job weaving baskets? What do you wanna do, wait on me hand and foot all your life? I´m like a baby.“
„You could build yourself up, others do. You could try. You might even walk again, if you try.“
„There´s no hope. The wires are cut.“
„Alright. But you could get better. You could do lots of things. Oh, please. Please try. Don´t you see? I need you. There´ll never be anyone else.“
Emotionen und Mimik
Im Militärkrankenhaus liegen Angel, Norm und Leo mit vielen weiteren querschnittsgelähmten Veteranen in einem großen Saal. Sie alle müssen mit ihrem Zustand zurecht kommen und die meisten von ihnen schaffen es ganz gut. Die drei bilden eine Gruppe von Nebencharakteren, die im Verlaufe des Filmes eine Art freundschaftliche Leidensgenossen von Ken werden. Norm, der intellektuelle Zyniker, Leo, der Angeber mit dem bissigen Humor und Angel, der Athlet mit dem guten Herzen.
Ken Wilchek kann als Einziger seinen Zustand nicht akzeptieren. Als durchtrainierter, junger Mann, der mittels eines Sport-Stipendiums studiert hat, kann er nicht akzeptieren, dass sein Körper ihn derart im Stich lässt. Zudem leidet er unter sehr starken Schmerzen, sodass er anfangs isoliert in einem eigenen Zimmer liegt. Er möchte mit niemandem sprechen, ist anfangs depressiv und hat Ellen verboten, ihn zu besuchen. Die Figur zeigt so viele Emotionen in Bezug auf diesen Zustand, eine so große Ablehnung, Wut, Arroganz, Aggressivität, Verzweiflung, Überforderung und Hilflosigkeit. Er ist bockig und trotzig wie ein Kind. Er hasst seine Situation und kann zugleich nichts dagegen tun. Es ist ein komplexes Repertoire an Gefühlen, das sich in seinem Gesicht spiegelt. Seine Stimme ist brüchig, als stünde er immer kurz davor, die Nerven zu verlieren und zu weinen. Er murmelt, verschluckt halbe Worte, die Stimme bricht weg. Marlon Brando bewegt kaum seinen Körper in den Anfangsszenen und übermittelt all diese Emotionen alleine mit seinem Gesicht und seiner Stimme.

„Mr. Brando as the veteran who endures the most difficult time is so vividly real, dynamic and sensitive that his illusion is complete. His face, the whole rhythm of his body and especially the strange timbre of his voice, often broken and plaintive and boyish, are articulate in every way. Out of stiff and frozen silences he can lash into a passionate rage with the fearful and flailing frenzy of a taut cable suddenly cut. Or he can show the poignant tenderness of doctor with a child.“
(aus einer Rezension des renommierten Filmkritikers Bosley Crowther, The New York Times, 1950)
Zu Beginn des Filmes wirkt Ken Wilchek verletzlich, schutzlos und passiv. Dieser Effekt wird neben der großartigen Mimik auch durch seine Kleidung erzielt. Er trägt weite, hochgeknöpfte Hemden, in denen er fast versinkt, die Ärmel hängen über seine Hände, und liegt meistens zugedeckt in einem Bett, sodass man von seinem Körper nicht viel sieht. Die großen Kissen und Decken, der ganze Stoff um ihn herum, lassen ihn kleiner wirken. Durch diese Methode wirkt der Körper des Schauspielers insgesamt schmaler und weniger muskulös, ohne, dass er tatsächlich für diese Szenen besonders viel Gewicht verlieren muss. Es ist eine reine Frage von Kleidung, Requisiten, von Lichtsetzung und Kameraperspektive. Ken wird zu Anfang häufig in verschieden extremen Variationen der Draufsicht (top shot) gefilmt, er liegt also in der Tat meistens unter dem Zuschauer. Zusätzlich fokussieren sich die Ausschnitte auf seinen Oberkörper und sein Gesicht.
Im späteren Verlauf des Filmes dagegen wird sein Körper, besonders der Oberkörper und seine Muskeln, in Szene gesetzt, um seine sportlichen und gesundheitlichen Fortschritte zu zeigen. So trägt er eher enge Kleidung, man sieht häufiger seinen nackten Oberkörper und seine Haare sind glatt nach hinten gekämmt, wodurch er insgesamt älter wirkt. Auch die Kameraperspektive ändert sich zur Normalsicht, der Zuschauer ist also auf Augenhöhe mit der Figur.

Männlichkeit und Versagen
Der Kampf von Ken Wilchek und den anderen Soldaten und das Akzeptieren der neuen körperlichen Situation ist auch ein Ringen mit Männlichkeit und Versagen. Männer sollen stark sein in unserer Gesellschaft, keine Gefühle zeigen und immer funktionieren. Sie sollen alles tragen, auf keinen Fall eine „Last“ für irgendwen sein. Der Soldat ist demnach das Ideal des Mannes, der Kämpfer, der die eigene Heimat und Familie mit der Kraft seines Körpers verteidigt. Was aber passiert, wenn dieser Soldat verletzt wird, wenn er das Bild nicht mehr erfüllen kann? Ist er nur ein Versager, ab jetzt immer nur noch das Opfer? Ist er überhaupt wertvoll, ein „echter“ Mann? All diese Ängste und Sorgen spiegeln sich in Ken Wilcheks Gesicht, als er Ellen zum ersten Mal wieder sieht. „Why´d you have to come here and pity me?“
Krieg unterstützt zum einen das Bild des „starken Mannes“, zum anderen sorgt er für eine Männlichkeitskrise, denn Verletzung und Behinderung von Soldaten sind dem Krieg immanent6. Es gibt keinen Krieg ohne Opfer, ohne physische und psychische Zerstörung der direkten Kriegsbetroffenen, die einfache „Fußsoldaten“ wie Ken ja sind. Die problematische, gesellschaftliche Rolle fordert von Männern, ihre Emotionen zu kontrollieren, sich nicht „gehen zu lassen“. Niemals sagen, wie es ihnen eigentlich geht, bloß keine Schwäche zeigen. Immer stark sein und schweigsam. Der Alpha-Mann, der alles regelt, für den nichts zu viel ist. Doch schreckliche Erfahrungen und Verletzungen im Krieg, die lebensverändernd sind, machen das unmöglich. Die traumatisierten Soldaten können ihre Emotionen nicht mehr kontrollieren, verhalten sich schwach, hilflos, überfordert und allgemein „unmännlich“ und erleben dadurch eine zweite Krise: sie funktionieren nicht nur körperlich nicht mehr wie vorher, sondern auch emotional. Sie werden zu dem, was sie vorher vielleicht abgelehnt oder verlacht haben. Noch dazu will in den 1950ern niemand ihre Sorgen hören. Sie haben kein Ventil und so werden diese seelischen Verletzungen niemals heilen7.
In einer späteren Szene gehen Ken und Ellen gemeinsam in ein Restaurant. Zum ersten Mal erlebt der Zuschauer Ken außerhalb des Militärkrankenhauses. Es ist eine unangenehme Szene. Die anderen Gäste des Restaurants wissen nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen, sie starren ihn und Ellen an, hofieren ihn, versuchen, möglichst nicht mit ihm in Kontakt zu kommen, etwas „ungeschicktes“ zu sagen. Er ist ausgegrenzt, der „Andere“. Sein Rollstuhl stört die Ordnung, erinnert an den Krieg, den man jetzt, da er vorüber ist, schnell vergessen möchte. Schließlich verlassen Ellen und er den Ort, Ken ist frustriert. Er möchte zurück zu den anderen, wo er einfach nur einer von ihnen ist.
Es ist ein großer, schwerer Schritt der Anpassung vom durchtrainierten Athleten und späteren Lieutenant zum Veteranen, der dauerhaft auf die Hilfe Anderer angewiesen ist und in der Öffentlichkeit stets bemitleidet, von oben herab betrachtet wird. Vom Krieger zum Kind degradiert, sozusagen. Die typischen Rollenbilder der 1950er Jahre für ihn als Versorger und Ellen als Hausfrau werden in ihrer Ehe vermutlich nicht funktionieren. Ob Ken einer Erwerbstätigkeit wird nachkommen können und inwiefern Ellen zum Einkommen beitragen und Aufgaben für ihn übernehmen muss, kann der Zuschauer sich nur ausmalen. Eine solch drastische Änderung der Umstände kann aber auch eine Chance sein, eigene Stärken neu zu definieren und eine Partnerschaft abseits der üblichen Stereotypen zu bilden. Allerdings müssen Ken und Ellen sich darauf einstellen, stets öffentlichen Bewertungen ausgesetzt zu sein, aufzufallen, nicht wie „die Anderen“ zu sein.
It´s not in the nature of a normal woman to be in love with one of us
Die gezeigten Figuren haben alle komplexe Persönlichkeiten. An keiner Stelle werden sie auf ihre Behinderung reduziert. Sie sind ironisch, machen sich über sich selbst und ihre Situation lustig. Manchmal sind sie frustriert oder wütend über den Umgang mit ihnen. Norm ist intelligent und schwermütig. Er zitiert gerne Stellen aus Gedichten, er engagiert sich in der PVA (Paraplegic Veterans of America) und ist frustriert davon, dass er gesellschaftlich als Pflegefall betrachtet wird. Leo wirkt allgemein gut gelaunt, er schlägt sich mit bissigem, schwarzem Humor durch, ist großmäulig und hat Respekt vor Niemandem. Angel ist das Herz des Filmes, er ist der Sportliche, der sich unabhängig von seiner Behinderung um seine sechs Geschwister kümmern muss und deswegen versucht, schnell wieder fit zu werden. Angel ist immer fröhlich und gibt nichts auf das Gerede der Leute. Die Figur wurde übrigens von dem Kriegsveteran Artur Jurado (1923–1963) gespielt, der nach einem Flugzeugabsturz querschnittsgelähmt war.

In Gesprächen der Charaktere untereinander wird klar, wie sie die Außenwelt und Behandlung durch ihre Mitmenschen empfinden. Über den Krieg sprechen sie nie, nur über die Zukunft. Wie soll das Leben jetzt weitergehen? Sie sind alle jung, sie denken über das Heiraten nach und ihre Rolle im Leben. „What do you work so hard for?“, fragt Ken Angel beim gemeinsamen Sport. „I got to. I wanna get out of here, I wanna get a home.“ „Do you want to get married?“ „No, I´ll never get married. See, I got six little brothers and sisters. My mother is gettin pretty old, which makes me the papa now.“
Gleichzeitig machen sie sich aber auch nichts vor, sie wissen, dass sie als Veteranen, als behinderte Menschen immer einen Sonderstatus haben werden, dass sie nie mehr „normal“ werden. Norm spricht aus, was alle befürchten:
„It´s not in the nature of a normal woman to be in love with one of us.“, sagt er in einem Gespräch über die Ehe. „It´s sad, but true and we should face it. (…) Normal is normal and crippled is crippled and never the two shall meet. The fact of the matter is, we make other people feel uncomfortable. You know why? Because we remind them that their own bodies can be broken, just like that. And they don´t like it.“
Ellen beweist das Gegenteil von Norms Annahme, indem sie sich sehr für Ken und ihre Beziehung einsetzt. Doch auch sie hadert zwischendurch. Bei ihrer Hochzeit gibt es einen Moment der tiefen, zweifelnden Blicke zwischen ihr und Ken. Ken sieht all seine Sorgen bestätigt, dass seine Situation Ellen überfordert und fühlt sich von ihr vorgeführt. Nach der Hochzeit in ihrem neuen Haus wirkt Ellen unsicher und nervös. Sie möchte unbedingt alles richtig und „normal“ machen, bekommt aber Angst, dass sie sich vielleicht etwas vorgemacht hat. Es kommt zum Streit, beide sind verkrampft und wissen nicht, wie sie miteinander umgehen sollen.
Niemand hat gesagt, dass es leicht wird – aber es ist möglich
Letztlich können Ken und Ellen ihre Schwierigkeiten überwinden, indem sie an sich arbeiten. In der letzten Szene sieht man Ken, wie er nach einem Streit mit Ellen mit dem Auto zu ihr fährt (er hat ein Auto, dass er mit der Hand steuern kann), um sich zu vertragen. Für die Beiden gibt es ein happy end, doch das Schicksal der anderen Veteranen bleibt offen.
„Die Männer“ ist ein Film, der trotz seines Alters aktuell bleibt. Marlon Brandos Performance ist bis heute außergewöhnlich, unfassbar echt und emotional nah am Zuschauer. Seine intensive Darstellung entzieht sich jeder Zeit. Man könnte die Figur Ken Wilchek in einen Film von 2022 setzen und würde nicht bemerken, dass sie über 70 Jahre alt ist.
Viele der angesprochenen Themen sind auch heute aktuell. Männer und Emotionen, gesellschaftliche Rollenbilder, der Umgang mit Behinderung in der Gesellschaft, das sind alles Themen, die nach wie vor präsent sind.
Das Positive an diesem Film ist, dass Behinderung hier nicht als Last oder als Grund zum Selbstmord gezeigt wird, wie es in diversen Hollywoodfilmen der 1990er und frühen 2000er Jahre der Fall ist8. Ken muss mit seiner neuen Lebenssituation zurecht kommen und es fällt ihm zu Anfang schwer. Das erscheint realistisch. Es ist aber möglich und genau das zeigt der Film. Ellen und Ken arbeiten hart daran, ein gemeinsames Leben starten zu können, auch mit Kens Behinderung und erwartbaren Schwierigkeiten. Diese sind aber kein Grund für Ellen, ihn aufzugeben oder für Ken, sein Leben zu beenden.
Quellenangaben
- der Film wurde z.B. 1950 in England verboten, weil in einer Szene das Thema Kinder kriegen (und Geschlechtsverkehr) mit einem querschnittsgelähmten Mann besprochen wird. Er wurde also zu seiner Zeit eher als skandalös empfunden ↩︎
- Der Silver Star (auf deutsch: Silberstern) ist laut Wikipedia eine militärische Auszeichnung für „besondere Tapferkeit vor dem Feind“ ↩︎
- vgl. „Versorgung Rückenmarksverletzter gestern und heute“, https://www.der-querschnitt.de/archive/23984, abgerufen am 22.12.2022 ↩︎
- siehe https://online.bgu-ludwigshafen.de/blog/ludwig-guttmann-125, abgerufen am 7.10.2025 ↩︎
- „The Girl Next Door is a Stock Character (and frequently a potential Love Interest for the male protagonist) who is open, approachable, and unassuming: the girl he thinks of as his best friend, his childhood pal, even just One of the Boys. (…) she’s often cute but never to the point that her looks are her defining feature (…). She will always be easy to talk to and usually a good listener. But she also tends to be frank with her opinions and expects the same in return.“ vgl. tvtropes.org/GirlNextDoor. Abgerufen am 19.12.2022 ↩︎
- vgl. „Deutsche Soldaten und Männlichkeit im Ersten Weltkrieg“, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/182566/deutsche-soldaten-und-maennlichkeit-im-ersten-weltkrieg/. Abgerufen am 15.12.2022 ↩︎
- Zum Thema Männer und Gefühle gibt es einen guten Artikel von fluter: https://fluter.de/maenner-weniger-weinen-gefuehle. Abgerufen am 21.8.2024 ↩︎
- dazu kann ich diesen Artikel von Rebecca Maskos empfehlen: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/einer-vertrage-der-anderen-last. Abgerufen am 22.12.2022 ↩︎