Film, 1:45:59
CN (für den Film, nicht für den Text): kein CN
Achtung, Spoiler.
In dem Drama „Kindeswohl“ von 2017 geht es um die Frage, ob ein Gericht entgegen dem Glauben der Eltern eine medizinische Behandlung ihres minderjährigen Kindes anordnen darf. Der Film basiert auf einem Roman von Ian McEwan, der auch das Drehbuch verfasst hat.
Adam ist 17 und hat Leukämie. In ein paar Monaten wird er volljährig. Bekommt er nicht so schnell wie möglich eine Bluttransfusion, wird er diese Volljährigkeit nicht erleben, es geht ihm sehr schlecht. Seine einzige Chance ist diese Behandlung. Er selbst lehnt sie ab, denn er ist wie seine Eltern Zeuge Jehovas. Diese religiöse Sekte hält die „Vermischung von Blut“ für eine Sünde und ist der Ansicht, wenn Gott sie zu ihnen ruft, sollten sie seinem Wunsch nachkommen. Er behauptet also, lieber sterben zu wollen, als diese Sünde zu begehen. Seine Eltern verstehen die Krankheit ihres Sohnes als eine Prüfung Gottes an ihrem Glauben und würden die Konsequenzen, also den Tod ihres Kindes, im Notfall akzeptieren. Alle Ärzte im Krankenhaus dagegen sind einhellig der Meinung, dass Adam sofort behandelt werden muss, denn es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, ihn sterben zu lassen und mit der Transfusion hat er eine recht gute Chance, wieder gesund zu werden.
My Lady
Richterin Fiona Maye sieht aus wie Hillary Clinton und ist ziemlich überzeugt von sich selbst. Sie hat eine sehr hohe Position als Richterin am Londoner High Court of Justice und ein elitäres, gut honoriertes Leben mit einer tollen Karriere, einem netten Ehemann (ein Philosophie-Professor), einer schönen Altbauwohnung mit Art-Déco-Tapete und Bücherregalen, ohne Kinder oder finanzielle Sorgen. In ihrer Freizeit musiziert sie mit einem Freund, sie hat sogar einen Flügel in ihrem Wohnzimmer. Im Gerichtssaal spricht man sie mit „My Lady“ an, sie bewegt sich in einer intellektuellen, kulturell gebildeten Bubble. Fiona obliegt die abschließende Entscheidung darüber, ob man gerichtlich anordnen darf, bei Adam eine Bluttransfusion durchzuführen, auch wenn er es nicht möchte. Obwohl sie eigentlich schon weiß, dass sie sich auf den Children´s Act1 beziehen und damit für die Gesundheit und gegen den Glauben Adams und seiner Eltern entscheiden wird, besucht sie vor der Urteilsverkündung den Jungen im Krankenhaus, um persönlich mit ihm zu sprechen. Sie ist überzeugt, dass er unter dem Einfluss seiner Eltern steht und seine Einstellung nicht wirklich überdacht hat.
Adam und Fiona verstehen sich auf Anhieb gut. Adam wirkt wissbegierig, eigensinnig und charmant, in Bezug auf seinen Glauben störrisch und verschlossen.

ADAM: Sie kommen also, um mich umzustimmen. Mich zur Vernunft zu bringen.
FIONA: Nein, Adam. Ich muss wissen, was das Beste für dich ist.
ADAM: Oh, bitte, Miss. Führen Sie mich zurück auf den rechten Pfad.
FIONA: Ich muss mir sicher sein, dass du weißt, was du tust. Leukämie ist eine sehr schwere Krankheit. Weil du eine Bluttransfusion ablehnst, die dir das Leben retten könnte, befürchten manche, dass du stark unter dem Einfluss deiner Eltern oder der Ältesten stehst. Und andere denken, dass du furchtbar clever bist und wir uns heraus halten sollten. Sollten wir..zulassen, dass du dich tötest? Das muss ich irgendwie entscheiden.
ADAM: Das sollte meine Entscheidung sein.
FIONA: Ich fürchte, das Gesetz sieht das anders.
ADAM: (wütend) Das Gesetz ist ein Esel!2
FIONA: So sagt man.
Es wäre eine Schande, einen so neugierigen, impulsiven und talentierten Jungen sterben zu lassen, der offensichtlich selber denken kann und viel im Leben erreichen könnte, denkt Fiona und entscheidet sich dafür, Adam gesetzlich zur Bluttransfusion zu zwingen. In seiner Gegenwart lässt sie zum ersten Mal ihre professionelle Rationalität hinter sich und lacht herzlich über seine forschen Sprüche. Er kann gegen ihre Entscheidung nichts unternehmen und die Transfusion wird durchgeführt. Das Kindeswohl zu schützen ist größer als religiöse Überzeugungen, sagt das Gesetz und so entscheidet auch Fiona.

Film erst halb vorbei, aber Story schon zu Ende
So weit, so gut. Doch damit ist die Story eigentlich gelaufen, der Film aber erst zur Hälfte vorbei. Was soll jetzt noch kommen? Die ganze Geschichte um Fiona Mayes Entscheidung und die moralischen Fragen von Glauben vs. Wissenschaft oder die Verfügbarkeit über den eigenen Körper, die Objektifizierung des Menschen in der Medizin usw., die man hätte vertiefen und diskutieren können, werden viel zu schnell abgehandelt. Es gibt genau eine Szene im Gerichtssaal, am nächsten Morgen ist alles getan. Die Entscheidung ist Fiona leicht gefallen. Es entsteht keine Spannung, es wird nichts aus dem Konflikt gemacht. Was hätte man alles in den Film hinein packen können! Man hätte die beginnende Freundschaft zwischen Fiona und Adam ausbauen können. Man hätte Adams Eltern mehr Raum und Tiefe geben können. Warum sind sie in dieser Sekte, was gibt ihnen die Religion? Sie bleiben oberflächliche Figuren, ihre Motive für ihr Verhalten werden in der Gerichtsverhandlung nur einmal kurz gestreift. Sie sind einfach nur fanatisch, da steckt sonst nichts hinter. Es bleibt unklar, wie sie zu solch einer Entscheidung fähig sind, außer, dass sie halt Teil dieser Sekte sind. Man hätte auch Adams Zustand verschlechtern und ihn in einen persönlichen Konflikt stürzen können, sich angesichts seiner verstärkten Leiden doch von selbst gegen seine Eltern und seinen Glauben zu stellen.
Stattdessen gibt es einen Cut und wir finden uns einige Zeit später wieder mit Adam zusammen, dem es nach der Bluttransfusion glücklicherweise besser geht und der sein Leben jetzt eigentlich genießen könnte. Mit seinen Eltern hat er sich überworfen, er hadert mit seinem Glauben und inzwischen ist er auch volljährig. Super Voraussetzungen für ein cooles life voller Abenteuer und Spaß.
Fiona hat Adam durch ihre Entscheidung das Leben gerettet. Von Anfang an fühlt er sich mit ihr auf einer intellektuellen Ebene verbunden, sieht in ihr eine Seelenverwandte. Leicht aufdringlich sucht er ihre Nähe, möchte mit ihr reden, Zeit verbringen. Fiona lehnt seine Annäherung freundlich, aber bestimmt ab. Vielleicht wäre es unprofessionell, wenn sie sich privat mit ihm einließe. Würde man ihr Urteil im Nachhinein anfechten, wenn bekannt würde, dass sie Adam privat kennt? Eventuell wäre es ein Problem für Fionas berufliche Integrität, man könnte ihr vorwerfen, nicht mehr rational zu entscheiden. Ihre Motive werden im Film nicht benannt. Fiona jedenfalls lehnt jegliche Kontaktversuche Adams ab. Sie liest zwar seine Briefe, ist aber zu beschäftigt, um weiter darauf einzugehen. Vielleicht hat sie auch einfach keinen Bock auf ihn. Als er sie während einer Dienstreise aufsucht und ihr sehr dramatisch seine Zweifel und Sorgen in Bezug auf sein weiteres Leben darlegt, quasi nackt vor ihr steht und sagt, ich weiß nicht weiter, liefert sie ihm keine Antworten und schickt ihn schweren Herzens fort. Es scheint ihr schon irgendwie Leid zu tun, aber sie sieht sich einfach nicht in der Position, etwas für ihn zu tun.
Aus Fionas Perspektive stellt Adam ihr nach und bringt sie in einen Konflikt. Wenn man sich in Erinnerung ruft, dass er ein Teenager, fast noch ein Kind ist, dessen gesamtes Weltbild zusammengebrochen ist, als ihm klar wurde, dass seine Eltern ihn hätten sterben lassen, dass er selbst irgendeiner (lebensgefährlichen) Erzählung blind gefolgt ist und er diesen krassen Einschnitt in seinem Leben irgendwie meistern muss, stellt sich die Situation allerdings etwas anders dar. Noch dazu ist Adam alleine, denn seine Eltern sind ja Teil des Problems. Dass er dann verzweifelt die einzige Person um Hilfe bittet, die außerhalb dieses Konstruktes zu stehen scheint, ist plötzlich gar nicht mehr so abstrus. Er ist nach einem Streit von zuhause weggelaufen, hat keinen Ort, an den er gehen kann. Fiona hat Geld, sie hat eine Wohnung und alle Möglichkeiten. Sie könnte ihn unterstützen, ihm eine Pause verschaffen, um sich neu zu orientieren. Aber sie macht es nicht und er muss durch den Regen zurück fahren und alleine klar kommen, weil er „ihre Grenze überschritten“ hat.

Während Fiona mit einem Bekannten ein Konzert gibt (es ist wohl ein paar Wochen später oder so), erhält sie die Nachricht, dass Adam einen Rückfall erlitten hat und angesichts der extrem ernsten Lage, Adam lehnt jegliche Behandlung ab (er darf es ja jetzt selber entscheiden) und wird vermutlich in dieser Nacht sterben, stürzt sie zu ihm ins Krankenhaus. Er hat es mit Hilfe seiner Krankheit endlich geschafft, sie zu sich zu holen. Auf die Frage, warum er sich nicht behandeln lässt, sagt er mit letzter Kraft trotzig „Meine Entscheidung“ und stirbt kurz darauf: ein echt krasser Plot-Twist, den ich ehrlich gesagt überhaupt nicht verstanden habe. WIESO macht er das? Er hatte doch mit dem Glauben gehadert, sich in einer vorigen Szene sogar mit seinen Eltern gestritten und gesagt, dass er diese ganzen religiösen Vorschriften nicht mehr mitmacht. Es ergibt für mich keinen Sinn, dass er jetzt sterben möchte. Ist er doch wieder religiös? Oder soll damit gesagt werden, dass die Gesellschaft ihm nichts bieten kann, er nirgends ankommt? Oder ist es eine persönliche Sache zwischen ihm und Fiona?
Man hätte einen so coolen, gesellschaftskritischen Film daraus machen können, in dem für Adam die Türen verschlossen bleiben, er einsam ist ohne seine religiöse Gemeinschaft und er letztlich zu ihr zurückkehrt. Man hätte die Figur Fiona Maye kritischer betrachten können. Warum wollte sie ihn unbedingt am Leben erhalten, wenn sie sich letztlich nicht für ihn interessiert? Persönlich ist sie nicht verantwortlich für sein Leben. Sie steht aber für das Gesetz und verkörpert die Moral und das Gewissen in diesem Film. Ist es denn nicht auch moralisch verwerflich und gewissenlos, einen Teenager in Not abzuweisen? Warum werden diese Fragen im Film nicht gestellt? Und warum geht es am Schluss im Gespräch mit ihrem Mann darum, ob Fiona in Adam „verliebt“ war? Soll damit eine Brücke zu ihrem Privatleben und ihrer Ehekrise geschlagen werden? Wie abgehoben und peinlich von Fiona und ihrem Mann, eine mögliche Freundschaft zwischen ihr und Adam auf ein erotisches Abenteuer mit einem Minderjährigen zu reduzieren, weil ihnen selbst langweilig geworden ist in ihrem privilegierten Leben (dass Adam Fiona zuvor geküsst hat, würde ich als Verzweiflungstat eines Teenies interpretieren).

All about Adam
Armer, kleiner Adam, kann man am Ende eigentlich nur sagen. Nobody gives a fuck. Deine Eltern wollten dich sterben lassen, deine Lebensretterin will dich auch nicht und du weißt es. Vielleicht ist das ja der Grund für seine Entscheidung, zu sterben. Das absolute Desinteresse von allen um ihn herum. Niemand hört auf seine Fragen, keiner nimmt sich Zeit für seine Zweifel. Wenn das am Ende die Aussage des Films sein soll, muss der Zuschauer aber zu viel hinein interpretieren, es wird zu viel offen gelassen. Und was ist die Aussage? Wir müssen alle netter zu einander sein? Oder wollte er Fiona heimzahlen, dass sie ihn abgewiesen hat?
Lauter verschenktes Potential und das ist wirklich schade. Denn die Schauspieler sind großartig, die Figuren wirken erstmal komplex, aber sie können ihre Vielschichtigkeit nicht ausleben, da die Story ihnen keinen Raum gibt. Man hätte aus Fiona und Adam so viel machen können. Fiona Maye ist ein absolut glaubhafter Charakter, in ihrem Umgang mit anderen Menschen, den feinen Nuancen ihres Gesichts. Stets freundlich und höflich, aber immer mit einer gewissen Distanz zum „Rest“. Ihre Kleidung, die Bewegungen ihres Körpers strahlen Elite und große Selbstsicherheit aus. Sie ist genau da, wo sie ihrer Meinung nach hingehört. Adams Ehrlichkeit und Offenheit trifft direkt ins Herz. Sein Gesicht liest sich wie ein offenes Buch, mit seinem Charakter hätte man noch viel Spaß haben können. Ein Unschuldslamm, ein eigensinniger, geistreicher Junge, der so orientierungslos ist, verzweifelt seinen Weg sucht und noch so viel vor sich hat.
Hätte ich diesen Film gemacht, hätte ich Adam zur Hauptfigur gemacht und ihn die Schönheit des Lebens ohne von außen aufgezwungene Regeln und Gebote erleben lassen. Warum folgt der Film Fiona Maye und verbringt so viel Zeit mit ihr? Über sie gibt es kaum was zu sagen, außer, dass sie ein ziemlich ätzender Charakter ist. Die Geschichte um ihr Privatleben wird auf die klischeehafteste Weise erzählt, die man sich vorstellen kann. Sie kommt nicht über die Affäre ihres Mannes hinweg, hat aber wegen ihrem Job, den sie liebt, keine Zeit mehr für Sex und ihre Kinderlosigkeit ist ihr großer Makel (weil eine erfolgreiche Frau natürlich auch immer ein bisschen bedauern muss, dass sie sich für die Karriere und gegen eine Familie entschieden hat), gähn…Und by the way, warum ist sie eigentlich so fürchterlich zu ihrem Mann? Er scheint ziemlich nett zu sein und alles, was er sagt, ergibt Sinn. Er behandelt sie nie schlecht oder würdelos, aber sie kreist sich immer nur um sich selbst, interessiert sich kein Stück für seine Bedürfnisse.
Selbstermächtigung wäre das Thema meines Films. Mit Adam als Hauptfigur hätte man einen Charakter, der einen Konflikt in sich trägt, der hin- und hergerissen ist, der sich entwickeln kann3. In meinem Film würde Adam erkennen müssen, dass er sich weder nach seinen Eltern noch nach Fiona richten muss und dass Sterben die schlechteste Entscheidung von allen ist. Er ist immer auf der Suche, möchte, dass ihm jemand sagt, was er tun soll. Er ist erst 18 und weiß noch nichts über die Welt. In meinem Film müsste er lernen, nicht mehr nach anderen zu schauen, sondern sich selbst zu leiten. „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat.“, sagte einst Karl Marx.4
Letztlich ginge es nicht mehr um religiöse Zwänge, sondern darum, ein eigenständiger Charakter zu werden, der die Schönheit des Lebens erlebt und eigene Entscheidungen trifft. Der seinen Weg im Leben geht, ein Teenie, der aus einer Existenzkrise sein Leben in die Hand nehmen muss und darin vielleicht eine Chance erkennt. Mein Film wäre eine Abrechnung mit Eliten, die sich nur um sich selbst kreisen. Es geht um die Menschen. Adam, du musst erkennen, dass du wertvoll bist und dich nichts und niemandem unterordnen musst. Es ist dein Leben und du kannst alles machen, was du willst.
What´s the point of your silence, Fiona?
Das Hauptproblem von „Kindeswohl“ ist die Einstellung des Autoren, der die Elite um Fiona Maye unbedingt verteidigen möchte. Deswegen bleiben Adams Eltern oberflächliche Figuren, weil kein Interesse besteht, sie zu verstehen. Sie sind nur religiöse Trottel und Adam ein dummer Junge, der die „Realität“ einfach nicht sehen will. Ein Glück, dass solch eine gebildete, intellektuelle Staatsdienerin wie Fiona kommt und dem ganzen Unsinn endlich einen Riegel vorschiebt. Wo kämen wir denn hin, wenn nicht per Gesetz für Recht und Ordnung gesorgt würde? Dass der Staat, den Fiona repräsentiert, aber durchaus kritisiert werden muss, an vielen Stellen versagt und Menschen wie Adams Eltern vielleicht mit in die Arme einer Sekte treibt, wird nicht beleuchtet.

Fiona Maye soll eine Figur sein, die sehr gut über alles nachdenkt und keine leichtfertige Entscheidung trifft. Ihre Egozentrik und Selbstgerechtigkeit, ihre Ignoranz in ihrer Ehe und ihr komplettes Versagen in Bezug auf Adam werden nicht thematisiert. Sie hat keinerlei Selbstreflektion, nie hat irgendwas etwas mit ihr zu tun. Dass Adam am Ende stirbt, ist ihr zuzuschreiben. Für sie ist er nur ein tragischer Fall, der sie zwar berührt, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, denn alles andere wäre „unvernünftig“. Dass sie persönlich involviert war, dass sie es hätte verhindern können, wird sie nie verstehen, denn dafür müsste sie sich ja selbst kritisch hinterfragen und das soll mit dieser Figur einfach nicht passieren. Bloß keine Kritik am Bestehenden.
Jeder Film hat eine Aussage und möchte dem Publikum etwas mitgeben. Der Blick auf die Charaktere in „Kindeswohl“ ist der Blick der Elite, welcher auch Fiona angehört. Deswegen folgt der Film auch dieser Figur und nicht Adam oder seinen Eltern. Deswegen gibt der Film Fiona am Ende immer Recht und macht Adam zu einem Fanatiker, der sie einfach nicht in Ruhe lassen kann. Diese Menschen haben kein Interesse daran, ihr eigenes Verhalten und ihre Rollen zu hinterfragen, sie sehen es als absolut berechtigt an, dass ihnen die Positionen und das privilegierte Leben, dass sie führen, zustehen und diese Geschichte soll erzählt werden, sie soll man verstehen.
Es tut mir so leid, Adam. Du hast so viel mehr verdient als mit 18 alleine in einem beschissenen Hospiz an Weihnachten langsam und qualvoll zu sterben und dabei auf eine Person zu warten, in der du etwas gesehen hast, was sie dir nie zu geben beabsichtigte. Du warst so offen und mutig, um eine Chance zu bitten und sie hat dich so enttäuscht. Du wolltest Teil haben an ihrem schönen Leben, aber sie hat die Tür schnell zu gemacht. Die Figur Fiona Maye müsste einmal im Film an irgendeiner Stelle eine Konsequenz spüren oder irgendeine Art von Einbruch in ihrer Sicherheit. Es gibt immer viel zu viel Verständnis für sie. Sie bedauert am Ende Adams Tod und es tut ihr in der Seele weh, dass er gestorben ist. Aber selbst das führt zu keiner Erkenntnis. Sie denkt nur, OMG, was hat er getan? und nicht: was habe ich getan? Sie hat nie ihre Verantwortung in dem Ganzen verstanden, war unfähig, sich zu bewegen, irgendwas in ihrem Leben zu ändern, um ihm zu helfen. Der Figur Adam kann man keine Schuld geben. Er macht zwar ein paar Dummheiten im Laufe des Films, aber er ist halt ein Junge, fast noch ein Kind. Fiona dagegen ist erwachsen und in einer Position, in der sie sehr viel Verantwortung trägt. Doch privat versagt sie völlig.

Es wäre richtig cool, ein Sequel zu „Kindeswohl“ zu machen, in dem Adam nicht gestorben ist, seinen Weg geht und Fiona endlich als das sieht, was sie ist: ignorant, abgehoben und versteinert. Die Verkörperung eines Justizsystems, das sich um die Menschen nicht schert. Die Emanzipation Adams sozusagen (und wenn er schon dabei ist, warum nicht nur die Religion überkommen, sondern gleich mit dem System als Ganzes brechen und Kommunist werden?). Am Ende dieser Geschichte aber ist Adam tot, ein trauriges Einzelschicksal, und Fiona und ihr Ehemann sind wieder zusammen. Sie ist es halt wert. Und das ist schön für Fiona und für die ganze Welt. Denn es ist eigentlich alles gut so, wie es ist.
Quellenangaben
- „The Children Act 1989 states that children’s welfare should be the paramount concern of the courts. It also specifies that any delays in the system processes will have a detrimental impact on a child’s welfare. The court should take into account the child’s wishes; physical, emotional and educational needs; age; sex; background circumstances; the likely effect of change on the child; the harm the child has suffered or is likely to suffer; parent’s ability to meet the child’s needs and the powers available to the court.“ (gefunden auf Wikipedia, unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Children_Act_1989#:~:text=The%20Children%20Act%201989%20states,impact%20on%20a%20child’s%20welfare., abgerufen am 10.01.2013) ↩︎
- Der Ausspruch „the law is an ass“ ist im Englischen ein Sprichwort und Zitat. „Ass“ bezieht sich hier auf einen Esel, nicht auf „Arsch“ oder „Arschloch“. In der deutschen Übersetzung sagt Adam „Das Gesetz ist ein Esel“, was nicht ganz die gleiche Energie hat. Man versteht diese Anspielung auch nicht so recht, weil im Deutschen der Kontext fehlt. Vermutlich sollte an dieser Stelle gezeigt werden, dass Adam viel liest, der Spruch findet sich unter anderem in dem englischen Klassiker „Oliver Twist“ von Charles Dickens („If the law supposes that,“ said Mr. Bumble, squeezing his hat emphatically in both hands, „the law is a ass – a idiot“.). Auch Fiona scheint das Zitat zu kennen und den Hinweis zu verstehen. Ein Punkt, der beide verbindet. ↩︎
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- Zitat von Karl Marx „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung“, 1843/1844. Gefunden unter: http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm, abgerufen am 10.01.2023 ↩︎