Call Me By Your Name (2017)

Film, 2:11:58

CN (für den Film, nicht für den Text): kein CN

Achtung, Spoiler.

„Call Me By Your Name“ ist ein Film des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino aus dem Jahr 2017. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von André Aciman, das 10 Jahre zuvor erschienen war.

Elio & Oliver

Elio ist 17 und verbringt den Sommer mit seinen Eltern in einer wunderschönen italienischen Villa auf dem Land. Es ist 1983, man lebte noch ohne Smartphone oder Computer, alles war langsamer als heute. Elio transkribiert klassische Musik, er kennt sich mit Komponisten wie Bach oder Liszt aus, spielt Klavier und Gitarre und spricht mindestens drei Sprachen fließend. Elios Vater ist Professor, die Familie wechselt laufend zwischen französisch, italienisch und englisch. Sie sind liberale, freiheitsliebende Menschen, die ihr Leben genießen. Sie wirken auf dem Boden geblieben, nicht elitär, auch wenn sie alles haben, was man sich wünschen kann.

Ein junger Mann kommt am Haus der Eltern an, es ist Oliver, ein Student von Elios Vater aus Amerika. Er soll den Sommer mit ihnen verbringen, um mit Elios Vater zu arbeiten. Oliver fällt Elio vom ersten Moment an auf. Er ist ca. Mitte Zwanzig, sehr groß, gut aussehend und tritt äußerst selbstzufrieden auf. Ein blonder Adonis mit dem Aussehen eines typische Ivy-League-Studenten1, unter dessen halboffenem Hemd verführerisch eine Kette mit Davidstern baumelt. Seine langen Beine bringt er stets in knappen Shorts zur Geltung. Olivers leicht arrogante und für Elios Geschmack etwas zu selbstzufriedene Art gehen ihm ziemlich schnell auf die Nerven. Elio fühlt sich verunsichert und zurückgewiesen und das gefällt ihm nicht. Mit Olivers zunehmend widersprüchlichem Verhalten kann er außerdem nichts anfangen. Mal ignoriert Oliver ihn, weist ihn ab, ein anderes Mal kommt er ihm körperlich schon fast zu nahe, kann seine Finger nicht von ihm lassen. Mag er Elio nun oder interessiert er sich doch nur für sich selbst?

Elio und Oliver wirken erstmal (nicht nur optisch) verschieden, merken aber später, dass sie sich interessant finden

Sobald Elio verstanden hat, dass er sich rar machen muss, um für Oliver interessant zu sein, ist Olivers Neugierde endgültig geweckt. Das gegenseitige Zeigen von Interesse und Ignoranz wird eine Art Spiel zwischen Elio und Oliver, sie kommen sich langsam näher.

Es ist Elio, der als erstes eindeutig sexuelles Interesse an Oliver zeigt. Olivers Gefühle bleiben undurchsichtig. Elio fängt an, körperlich von ihm eingenommen zu werden. Ein Verlangen entsteht in ihm, das er vielleicht am Anfang selber nicht greifen kann.

Die Schönheit des guten Lebens

Der Film lebt sehr stark von seiner Kulisse und den Requisiten. Das Haus, in dem Elio mit seiner Familie den Sommer verbringt, ist der Ort, an dem der größte Teil der Handlung stattfindet. Es ist eine wunderschöne Villa mit einem prächtigen Garten, in dem Aprikosenbäume wachsen; die prallen Früchte in sattem Orange lassen den sonnenwarmen, süß-herben Geschmack buchstäblich auf der Zunge der Zuschauer*innen entstehen.

Die kleine Stadt Crema, die sich in der Nähe von der Villa befindet, wirkt in der Sommerhitze wie lahmgelegt. Hier passiert nichts. Echte Entschleunigung. Wenn Elio und Oliver sich dort aufhalten, ist alles heiß, menschenleer und dösig. Es gibt keine Hektik, wie in Großstädten oder an überfüllten Stränden.

Die unfassbare Sinnlichkeit der Umgebung lässt die Zuschauer*innen sehr tief in die Welt dieser Geschichte eintauchen

Das Publikum geht eine starke körperliche Symbiose mit dem Film ein, hat fast sexuelle Erfahrungen beim Gucken. Der Sinnlichkeit der Umgebung und der Geschichte kann man sich nicht entziehen. In jedem Detail, in jeder Pore des Films wird die Schönheit des Lebens zelebriert. Es sind nicht nur die Figuren, die offensichtlich ihr Leben genießen, es ist auch die Umgebung, die prächtigen Farben, die Musik und die unfassbare Haptik des Films. Als Zuschauer schmeckt und riecht man den Film, man fühlt sich wie in diese Villa hineinversetzt. Wenn Oliver morgens auf der sonnigen Terrasse ein Ei köpft und einen Löffel in das flüssige Eigelb taucht, isst man dieses Ei mit ihm, schmeckt es auf der Zunge. Wenn er tanzt, fühlt man seinen verschwitzten, großen, sexy Körper an der eigenen Haut. Man spürt das kalte Wasser des Sees und die Kühle des Hauses, wird dösig in der Mittagssonne. Die ganze Villa, der große Garten drumherum und das dazu gehörende Naturstein-Schwimmbecken mit klarem, türkisen Wasser erwecken wahnsinnige, ästhetische Sehnsüchte. Man möchte so leben, diese Qualität der Dinge erfahren. Es ist wie Sex oder ein sehr gutes Essen, man möchte alles davon haben und nie mehr zurückkehren. Call Me By Your Name bietet eine Zuflucht aus der Realität, es ist der Film gewordene Eskapismus. Es sind unerreichbare Sehnsüchte nach Entspannung, Genuß, Schönheit, Liebe, art de vivre. Das ist das Ideal des guten Lebens.

Die Kamera ist stets nah an den Körpern und Gesichtern der Protagonisten. Den Stil des Films kann man durchaus als „Realismus“ bezeichnen, aber über-schön. Alles sieht „echt“ aus, nicht künstlich, aber alles ist schöner, prächtiger als im echten Leben. In allem wird das Schöne gesehen. Es ist ein sehr lustvoller, lebensbejahender, erotischer Blick. Besonders Elio wird häufig so inszeniert, dass man fast seine Geschlechtsteile sehen kann, die Kamera schaut vorsichtig zwischen seine Beine oder auf sein Hinterteil. Dennoch ist die Perspektive nie vulgär oder demütigend. Elio erscheint sehr kostbar, ein Objekt der Begierde. Es geht um sexuelle Lust und körperliche Neugier auf ihn und den schmalen Grat zwischen Erlaubtem und Verbotenem. Darf Oliver Elio so ansehen, nach ihm verlangen? Darf der Zuschauer Elio so ansehen? Sollte Elio so viel von sich Preis geben?

Elio wird zum Objekt des sexuellen Begehrens

Eine Frage des Umgangs

Elio fühlt sich durch eine Geschichte inspiriert, die seine Mutter ihm vorgelesen hat. Besonders der Satz „Reden oder Sterben“ aus dem Märchen bleibt ihm im Kopf und er beschließt, sich aus seiner Lage zu befreien und Oliver klar zu sagen, wie er zu ihm steht. Oliver fühlt sich zwar eindeutig von Elio angezogen und kann nicht umhin, ihn ständig zu berühren, lehnt dessen Aufforderung aber ab. Elio ist zu jung und es ist nicht möglich. Oliver ist ca. 10 Jahre älter als er. Du machst es mir echt nicht leicht, sagt Oliver, als die sexuelle Spannung zwischen den beiden fast nicht mehr zu ertragen ist. Elio flirtet offensichtlich mit ihm, bietet sich ihm an und es gefällt Oliver, obgleich er es nicht richtig findet. Bei einem Ausflug zu zweit kann Oliver Elio nicht mehr widerstehen, es kommt zu einem zärtlichen Kuss, den Oliver aber fast sofort wieder unterbricht.

Nein, nein, nein, nein. Wir gehen jetzt lieber.

Wieso?

Ich kenne mich, Elio, ok? Wir waren artig, wir haben nichts getan, wofür wir uns schämen müssten. Ich will artig sein, ok?

(Elio legt seine Hand in Olivers Schritt) Und, bedränge ich dich jetzt?

(Oliver nimmt langsam Elios Hand weg) Tu es nicht.

Oliver lässt sich für einen Moment von der glücklichen Atmosphäre um ihn herum verführen

Die Geschichte zwischen Elio und Oliver ist für niemanden ein wirkliches Geheimnis und keiner scheint ein Problem damit zu haben. Elios Eltern sind extrem entspannt in Bezug auf ihren Sohn, vielleicht einen Deut zu entspannt. Ihnen entgeht die Anziehung zwischen Oliver und Elio nicht. Elios Mutter spricht an einer Stelle wage mit Elio über ihn und Oliver und ihre „Freundschaft“ und scheint die Verbindung der Beiden gut zu heißen. Sie mischt sich aber nicht ein. Oliver ist der Einzige, der zu Anfang Schwierigkeiten mit der Sache hat. Es scheint schon fast, als forderten alle um ihn herum, inklusive Elios Eltern, ihn gradezu dazu auf, sich dem Ganzen hinzugeben und nicht so viel darüber nachzudenken. Auch der Zuschauer beginnt irgendwann, sich zu fragen, warum man dagegen sein sollte. Elio ist ja offensichtlich freiwillig bereit zu einem sexuellen Abenteuer, es gibt keinerlei Zwang oder unangenehme Machtverhältnisse. Niemand möchte dem anderen etwas antun, sie möchte nur etwas Schönes miteinander teilen. Außer Oliver macht sich keiner Gedanken um Elio, seine Jugend und die möglichen Auswirkungen einer Affäre zwischen ihm und Oliver. Und auch Oliver gibt nach und nach auf, lässt sich einlullen von der entspannten, glücklichen Atmosphäre um ihn herum. Warum sich selbst moralisch im Weg stehen, wenn alles so einfach und schön sein kann? Warum ein Problem aus etwas machen, was vielleicht keins sein muss?

Im Verlauf des Filmes haben Oliver und Elio auch sexuelle Erfahrungen mit Frauen. Oliver hat eine kurze, heftige Affäre mit einer jungen Frau aus der Nachbarschaft. Elio erlebt sein erstes Mal mit der gleichaltrigen Marcia aus Paris, die auch dort ihren Urlaub verbringt. Es geht nicht um Liebe, viel mehr um Spaß und das Entdecken und Ausprobieren von Sexualität. Niemand ist wirklich „zusammen“, aber alle gehen gut miteinander um. Es gibt keine Erniedrigungen, Verletzungen oder Unterdrückung, wohl aber Trauer und Enttäuschung, wenn unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen nicht zusammenpassen, wie letztlich bei Marcia und Elio. Aber auch hier ist der Umgang der Beiden miteinander respektvoll und obwohl Elio sich gegen Marcia und für Oliver entscheidet, geht er mit ihr nicht schlecht um. Marica ist zwar traurig und hat sich etwas anderes gewünscht, dennoch ist den Beiden ihre Freundschaft wichtiger und sie beschließen, Freunde „für immer“ zu sein. Es ist die Erzählung einer sexuell befreiten Welt, in der alle jede Freiheit haben, alles auszuprobieren und nicht an traditionelle Vorstellungen von Beziehungen gebunden sind.

Elio und Marcia möchten Freunde „fürs Leben“ sein

Die Utopie der Freiheit

Call Me By Your Name möchte zeigen, wie wundervoll und einfach alles sein könnte, wenn alle von gesellschaftlichen Zwängen befreit wären. Wenn man eine sexuelle Spielwiese hätte und einfach miteinander ausprobieren könnte. Ohne traditionelle Vorstellungen von Beziehungen, Pflichten und Regeln. Freies Ausleben von Bedürfnissen und Emotionen.

Die Utopie des freien Lebens wird am Ende des Films allerdings ins Schwanken gebracht, als Oliver Elio ca. ein halbes Jahr nach ihrer Verabschiedung anruft (er war ja nur für sechs Wochen in Italien) und ihm erzählt, dass er heiraten wird. Es ist keine wirkliche Überraschung und Elio nimmt es relativ gefasst auf. Es ist halt das, was erwartet wird. Trotzdem hält Elio an ihrer Verbindung fest, sieht nicht ein, warum er nicht haben kann, was er (und Oliver anscheinend auch) möchte.

Elio: Sie wissen von uns.

Oliver: Das dachte ich mir.

Elio: Wieso?

Oliver: Naja, so wie dein Vater mit mir gesprochen hat. Er hat mir das Gefühl gegeben, als würde ich zur Familie gehören. Fast so wie ein Schwiegersohn. Du hast so ein Glück. Mein Vater hätte dafür gesorgt, dass ich in den Knast komme.

Innerhalb der Villa, innerhalb der Bubble, sind Elio und Oliver sicher, existiert diese Freiheit. Ein safe space, in dem alle mit allem ok sind. Probleme kommen, wenn überhaupt, von außen. Von der Gesellschaft, die die Verbindung zwischen Elio und Oliver bewertet. Von Erwartungen, die nicht dem entsprechen, was die beiden sich wünschen. Vom Kommentieren, Beurteilen und sagen, was „richtig“ ist. Elio bleibt nach Olivers Abreise im safe space, seine Eltern machen ihm keine Probleme. Für Oliver sieht die Welt ggf. etwas anders aus. Er konnte die Freiheit, die Elios Eltern Elio mitgeben, für einen Sommerurlaub erleben, ein bisschen davon probieren. Aber danach geht das Leben weiter, außerhalb der Blase.

In einem gemeinsamen Moment der Stille am Ende des Films spricht Elios Vater mit ihm über die besondere Verbindung zu Oliver. Er ist behutsam, einfühlsam. Er erkennt Elios Verfassung, sieht die Trauer und den Schmerz, den Elio wegen dem Abschied von Oliver empfindet und er rät ihm, diese Gefühle auszuleben, keine Angst vor ihnen zu haben. Jetzt grade fühlst du Trauer und Schmerz. Unterdrücke es nicht. Und damit die Freude, die du empfunden hast. Er begleitet seinen Sohn auf die bestmögliche Art durch das gesamte Erlebnis, hat ihn die schönen Seiten erleben lassen und steht ihm bei den traurigen Seiten bei. Denn es ist alles Teil der Erfahrung, alle Gefühle brauchen ihren Platz. Es wäre vielleicht falsch gewesen, Elio diese Erfahrung nicht machen zu lassen, nur, um ihn vor den negativen Gefühlen zu schützen. Denn ist es wirklich Schutz, Trauer, Schmerz, Vermissen, Einsamkeit zu vermeiden? Elios Vater drückt vielmehr sein Bedauern darüber aus, nie eine vergleichbare Sache erlebt zu haben, sich nie emotional so sehr öffnen zu können. Ich bin zwar nah dran gewesen, aber ich hatte nie das, was ihr habt. Irgendwas hat mich…stets gebremst. Oder stand mir im Weg.

Elios Vater spricht mit ihm über Gefühle und ermutigt ihn, diese auszuleben

Die Szene ist ein extrem emotionaler Moment zwischen zwei Männern, einem Vater und seinem Sohn. Es ist eine Ausnahme, dass überhaupt jemand so offen über Gefühle spricht. Für Männer ist es außergewöhnlich. Die Vorstellung von „Männlichkeit“ ist stets mit Rationalität und Funktionieren verbunden. Emotionen offen auszuleben und weiche, verletzliche (oft weiblich konnotierte) Seiten zu zeigen, wird oft als Schwäche ausgelegt und eher negativ bewertet, im schlimmsten Fall verlacht. Das Schlagwort „toxische Männlichkeit“, das ursprünglich durch feministische Diskurse geprägt wurde, bezeichnet ein Rollenbild, nach dem Männer keine Schwäche zeigen, sondern „hart“ sein sollen, Gefühle verstecken oder unterdrücken müssen, Ängste und Sorgen für sich behalten sollen, sich niemals überfordert oder hilflos fühlen dürfen, sondern immer „anpacken“ müssen, bloß keine zärtlichen Gesten zeigen oder gar Weinen und so weiter. Wenn ein Mann doch eines der genannten Verhaltensmuster zeigt, wird er gesellschaftlich in seiner Männlichkeit abgewertet, als weich und „weibisch“ bezeichnet. Er bekommt negatives Feedback, wohingegen das „männliche“ Verhalten als „richtig“ unterstützt, er darin ermutigt wird. „Toxisch“, also giftig, wird dieses Verhalten genannt, weil es sowohl für das Umfeld problematisch werden kann, als auch für den Mann selbst. Unterdrückte Gefühle können unter anderem zu Aggressionen und Gewalt gegen andere Menschen oder einen selbst führen, zu einem geringen Selbstwertgefühl, Einsamkeit, sozialer Isolation und Depressionen2.

Das Gespräch zwischen Elio und seinem Vater zu Ende des Filmes ist grade deswegen so wertvoll. Es zeigt einerseits eine Möglichkeit auf, als Elternteil mit einer Situation umzugehen, sein Kind durch etwas zu leiten, zu begleiten. Es zeigt aber auch zwei Männer, die über Gefühle sprechen und sie ausleben dürfen, ohne als albern oder komisch dargestellt zu werden. So wird der Film und seine Betrachtung selbst zum safe space, in dem die Charaktere und Zuschauer zugleich eine Möglichkeit erhalten, Gefühlen innerhalb eines Rahmens Raum zu geben, sich mit ihnen zu befassen.

Call Me By Your Name ist in so vielen Hinsichten einer der ungelogen schönsten Filme der Welt. Trotz der recht einfachen Geschichte und der langsamen, detailreichen Erzählung ist der Film extrem vielschichtig. Seine große Kunst ist es, Dinge zu sagen, ohne sie zu sagen und dem/der Zuschauer*in die Möglichkeit zu geben, eine eigene Interpretationen zu schaffen, sich in der Atmosphäre auszubreiten. Es ist ein Film, über den man lange nach dem Gucken diskutieren kann und immer etwas Neues entdecken wird. Ein Film mit einer großen Wirkung, dessen gelöste, glückliche Eindrücke man in sich weiter durch den Alltag trägt.

Quellenangaben
  1. als Ivy League werden Elite-Universitäten wie Harvard, Brown oder Princeton in den USA bezeichnet ↩︎
  2. wer mehr zu dem Thema „Toxische Männlichkeit“ wissen möchte, das hier ist eine sehr gute Folge von den Podcast Feuer & Brot dazu (ist zwar ein paar Jahre alt, aber immer noch sehr aktuell): https://open.spotify.com/episode/3aiOX6CdmS8gr2JHXE2m8m ↩︎