Peaky Blinders (2013–2020)

6 Staffeln mit jeweils 6 Folgen

CN (für die Serie, nicht für den Text): Tote Menschen, Krieg, Gewalt, Folter, sexuelle Gewalt

Achtung, Spoiler.

Peaky Blinders ist eine britische Serie, die 2013 gestartet ist. Sie umfasst inzwischen sechs Staffeln mit jeweils sechs Folgen und ist seit 2020 abgeschlossen. Es soll voraussichtlich noch ein Kinofilm folgen.

Pretty Boy Tommy Shelby

Die Serie beginnt mit einem Mann, der ohne Sattel auf einem schwarzen Pferd durch schlammige Straßen reitet. Es ist das Jahr 1919. Man sieht sein Gesicht nicht. Die Menschen fliehen vor ihm, man weiß bisher nicht, warum. Die Atmosphäre ist düster, die Farben dunkelblau-türkis, grau, schwarz. Weißer Rauch steigt auf, es ist dreckig, schlammig, ein Industrieort. Der Mann wird von unten aufgenommen, durch Balken, aus Verstecken heraus. Es ist die Perspektive der Menschen, die sich vor ihm verstecken, jeden seiner Schritte beobachten. Er bleibt unerkannt, bedrohlich und geheimnisvoll. Als man schließlich sein Gesicht sieht, verdeckt der Schatten seiner Schiebermütze seine Augen, er bleibt rätselhaft, im Schatten, sein Gesicht ausdruckslos, eine Fassade. Er verrät nichts von sich.

Der Mann heißt Tommy Shelby, er ist die Hauptfigur und sein Charakter trägt die gesamte Geschichte, alles orientiert sich an seiner Figur. Obgleich es viele andere Charaktere in der Serie gibt, erreicht keine Figur jemals den Status von Tommy Shelby.

He’s a god, he’s a man
He’s a ghost
, he’s a guru
They’re whispering his name
Through this disappearing land
But hidden in his coat
Is a red right hand

Obwohl der Titelsong „Red Right Hand“ von Nick Cave and The Bad Seeds von 1994 ist, wirkt es, als sei sein Text für Tommy Shelby geschrieben. Lyrics und Sound (-Atmosphäre) passen unfassbar perfekt zu diesem Charakter, es ist ein aufwühlendes, bedrohliches Lied mit unheilvoll tönenden kirchenglocken-artigen Sounds. Der Titel „Red Right Hand“ bezieht sich auf eine Zeile aus dem Gedicht „Paradise Lost“ von John Milton aus dem Jahr 1608. “What if the breath that kindled those grim fires, / Awaked, should blow them into sevenfold rage, / And plunge us in the flames; or from above / Should intermitted vengeance arm again / His red right hand to plague us?”. In diesem Text wurde erstmals Satan nicht als hinterhältige Kreatur, sondern als charismatischer Verführer dargestellt. Eine Charakterisierung, die durchaus auch auf Tommy Shelby zutreffen könnte.

Tommy Shelby ist eine Figur, an der man als Zuschauer kleben bleibt, weil man ihn zu entschlüsseln versucht, wissen will, was sich hinter dem ausdruckslosen, bleichen Gesicht und den schönen, blauen Augen verbirgt. Dieses Geheimnis begleitet die Figur die gesamte Serie über, es wird nicht gelöst, man kann nur selber etwas hinein interpretieren.

Was haben sie bloß in Frankreich mit dir gemacht?“, fragt Tommys Tante Polly (damit ist sein Einsatz in Frankreich im ersten Weltkrieg gemeint).

Tommy Shelby ist das Klischee des starken Mannes, die Serienmacher haben eine außergewöhnliche Figur geschaffen mit einer richtigen corporate identity. Sein Aussehen steht im krassen Gegensatz zu seinem Agieren: das feminine babyface, die irritierend sanften, auffallend blauen Augen, seine jungenhafte Gestalt (er ist eher klein im Vergleich zu anderen Männern) mit den feinen Anzügen, Winchester-Shirts1, langen Mänteln, dem radikalen Haarschnitt und der charakteristischen Schiebermütze. Er ist der Unterschätzte, eigentlich zu hübsch für einen Gangster. Einer, dem man auf den ersten Blick diese Brutalität und Gefühllosigkeit nicht zutraut. Diesen TV Trope nennt man Pretty Boy. Auf der Seite tvtropes.org steht dazu „These guys are often slender or slight, with fine facial features (sharp cheekbones but narrow chin) and lovely hair. Facial hair is uncommon. (…) The Pretty Boy also isn’t necessarily effeminate or weak. He may well be as strong or physically powerful as the other, more muscular guys, and as macho as the more ruggedly handsome ones.“

Der Charakter vereint neben Pretty Boy noch andere Tropes, unter ihnen:

  • Damm, it feels good to be a gangster!“ („One of the most enduring images in modern fiction is that of the glamorous gangster — a streetwise, Self-Made Man who’s rich, powerful, badass, irresistible to women, fashionable, and unfettered by conventional morality.“)
  • Evil is cool“ („You don´t have a story unless you have a conflict. The bad guy in most cases is the conflict.“)
  • Troubled, but cute“ (bezieht sich häufig auf den Bad Guy in Teenie-Filmen, funktioniert aber auch bei (jungenhaften) Erwachsenen. Ein gut aussehender Junge/Mann mit Problemen)
  • Self-made man“ (muss man nicht erklären)
  • und, zumindest in der ersten Staffel, „Dark and Troubled Past“ („Something terrible happened to a character; some tragic event in their past that shaped a fundamental level of their personality“)

Tommy Shelby sieht gut aus, trägt feine Kleider und baut ein brutales Imperium auf

Trotz seiner Kriegstraumata bleibt Tommy Shelby stets rational und überlegt. Er ist das Masterbrain, das jedes Mal durch seine intelligente Überlegenheit den Familienclan aus den Konflikten und Sackgassen führt und sogar noch Profit daraus schlagen kann. Sein Weg führt stets weiter nach oben, er ist unaufhaltbar. Fängt er sich eine Kugel ein, steht er trotzdem wieder auf, selbst ein Schädelbruch kann ihn nicht aufhalten. Er ist wie eine Maschine, gefühllos macht er immer weiter. Selbst als er vermutlich erschossen werden soll, fragt er nur nach einer Zigarette und erzählt eine Geschichte aus dem Krieg. Nur nachdem die Hinrichtung verhindert wurde, gibt es einen der wenigen Momente, in denen der Zuschauer merkt, dass sich hinter dem steinernen Gesicht doch Gefühle verbergen, dass er etwas empfinden kann.

Hier kommt ein weiterer TV Trope zum Tragen, es ist Rule of Cool. Dieser Trope beschreibt, wie Charaktere oft unfassbar unrealistische und zum Teil fast alberne Sachen machen (im echten Leben würde man kurz vor der eigenen Hinrichtung niemals gechillt eine Kippe rauchen und gemütlich abwarten, aber zum Glück sind wir ja nicht im echten Leben) und das Publikum ihnen verzeiht, weil es einfach unendlich cool ist. Rule of Cool kann man in Peaky Blinders sehr oft beobachten, auch sehr gerne in Zeitlupe aufgenommen. Dieser Trope macht Spaß und sorgt für Unterhaltung, man möchte einfach sehen, wie Filmcharaktere larger than life sind.

Zu Anfang der Serie leidet Tommy Shelby noch unter seinen Kriegserfahrungen, er ist also nicht nur der starke Mann. Es gibt einige Szenen, in denen er Opium raucht und im Traum immer wieder die selbe Szene durchgeht. Jedes Mal schreckt er aus den Alpträumen auf. Während diese beiden Seiten, also das Auftreten nach außen hin als starker, unerschütterlicher Mann, der immer weiter macht, und die andere, private Seite als von der Vergangenheit Gequälter, der mit Hilfe von Rauschmitteln zu vergessen versucht, in der ersten Staffel einen spannenden Kontrast erzeugen und auch auf einen Höhepunkt hätten zulaufen können, wird die schwache Seite ab Staffel 2 stark vernachlässigt und fehlt, um die Tiefe und den inneren Konflikt des Charakters beizubehalten. Tommy Shelby trinkt zwar bis zur letzten Staffel fröhlich weiter, es wird aber nicht mehr kritisch thematisiert und das Opium rauchen hat er offenbar ohne Schwierigkeiten aufgegeben. Gut für ihn, aber langweilig für die Geschichte. Auch sein Ex-Kamerad Danny, der als Traumatisierter immer eine unangenehme Erinnerung an den Krieg dargestellt hat, stirbt praktischerweise am Ende der ersten Staffel und damit auch das ganze Thema „Kriegs-Vergangenheit.“ Es wird lediglich hier und da mal erwähnt, dass Tommy ja in Frankreich war usw., aber es hat keine echte Relevanz mehr für das Verhalten oder die Entwicklung des Charakters.

Diese Serie so nah an eine Figur zu koppeln, ist zugleich ihre größte Stärke und Schwäche. Einerseits trägt der starke, dominante Charakter die Geschichte, auf der anderen Seite verpasst man die Chance, einigen anderen Figuren Tiefe zu verleihen oder inhaltliche Lücken zu füllen, die im Verlauf der Serie leider immer mal entstehen. In der vierten Staffel beispielsweise gibt es eine Zeit, in der mehr als drei Monate überbrückt werden müssen, weil Tommy Shelby aufgrund eines Kampfes außer Gefecht gesetzt ist. Hier wird dann leider einfach nur ein Cut gemacht, alles, was aktuell zum Zeitpunkt des Angriffs los ist, pausiert mit der Figur und die Story setzt dann drei Monate später wieder ein. Das macht inhaltlich gesehen wenig Sinn. Tommy Shelby war zu diesem Zeitpunkt in Verhandlung mit russischen Partnern. Warten die dann einfach, bis er wieder gesund ist? Wird da keiner skeptisch, wieso er plötzlich für so eine lange Zeit verschwindet? Es hätte interessant sein können zu sehen, wie andere Charaktere in den Vordergrund treten und die Geschäfte übernehmen. Oder wie Tommy Shelby damit umgeht, nicht in jeder Situation stark und Herr der Lage zu sein. Würde sein nutzloser Bruder Arthur das Geschäft übernehmen und alles ins Verderben stützen? Könnte der Auftakt einer spannenden Staffel sein, in der die Shelbys zurück auf der Straße von vorne anfangen müssen. Aber leider geht die Geschichte nach drei Monaten nahtlos weiter und man weiß nicht mehr, wozu es diesen Kampf und die Pause gab, außer wegen der kurzfristigen, leeren Spannung.

Die Frauen sind leider doch nicht so stark

Die zweite und dritte Hauptfigur in dieser Geschichte sind Tante Polly und Tommy Shelbys älterer Bruder Arthur, der „Sicherheitschef“ der Familie. Zwar wurde mit Tante Polly eine starke Frauenfigur geschaffen, die der Hauptfigur zur Seite gestellt wurde, jedoch fällt die Figur leider immer wieder in klischeehaftes Verhalten zurück. Im Gegensatz zu Tommy ist sie zwar taff, aber sehr emotional („typisch weiblich“), sie ist „das Gewissen“ und die „gute Seele“ der Familie, sie verkörpert die Moral. Sobald in Staffel 2 ihr verloren geglaubter Sohn Michael auftaucht, ist sie stets vom Wunsch getrieben, ihm doch noch eine „gute Mutter“ zu sein. Nachdem sie einige Zeit im Gefängnis war und auch sie einer Hinrichtung in letzter Sekunde entkommt, wirkt sie im Vergleich zu Tommy Shelby fragil, irrational und emotional. Sie versteckt sich in ihrer abgedunkelten Wohnung und spricht zu „den Geistern“.

Auch die eigentlich unabhängige Grace mit dem traurigen Blick, die in Staffel 1 als verdeckte Ermittlerin versucht, in Tommys Welt einzudringen, wird ab Staffel 3 leider auf sein love interest reduziert und hat nichts mehr zu tun, als teure Kleider und Schmuck zu tragen und sein Aushängeschild zu sein. Sie hat keine eigene Agenda mehr, ist nur noch eine Ergänzung von Tommy Shelby. Dass die Schauspielerin sich offensichtlich ihre Nase hat operieren lassen, flacht den Charakter ungünstigerweise zusätzlich ab (im wahrsten Sinne des Wortes). Glücklicherweise ist sie recht schnell tot. Warum sie für Tommy in der Geschichte aber immer Die Eine bleibt, bleibt unklar, der Charakter hatte ja nicht wirklich was zu bieten.

Links und Mitte oben: Grace hatte in Staffel 1 einen starken Charakter. Mitte unten und rechts: ab Staffel 3 hat sie leider nicht mehr viel zu tun

Generell sind die Frauen, vor allem ästhetisch gesehen, recht klischeehaft angelegt, obwohl sie es nicht sein sollen. So ist Grace, die „Gute“ blond, genau wie die spätere Frau Arthur Shelbys, Linda, eine gläubige Christin, die ihn auf den Pfad der Tugend führen soll. Alle Frauen des Shelby-Clans dagegen sind dunkelhaarig. Auch Lizzy, nach dem Tod Graces die zweite Frau Tommys und immer „die Andere“ (sie war zuvor eine Prostituierte, kommt also im Gegensatz zu Grace von der Straße) hat schwarze Haare und ist keine typische Schönheit. Sie ist auch viel größer als Tommy. Tommys Liebesaffären (es gibt in jeder Staffel eine neue love interest, oder man sollte es besser fuck interest nennen. Diese Frauen müssen aus irgendeinem Grund immer eine Affäre mit Tommy Shelby haben) sind allesamt braunhaarig, von der verrückten, reichen Russin Herzogin Petrova über die sozialistische Gewerkschaftsführerin Jesse bis hin zur melancholischen Reitlehrerin May. Damit folgt die Serie dem Stereotyp der blonden Frau als der „Guten“, wohingegen die weniger „guten“ (sei es durch eigene Verbrechen/eine „schändliche“ Vergangenheit wie in Lizzys Fall oder als Teil des verbrecherischen Familienclans) dunkelhaarig sind. Diese beiden Frauentypen stehen oft wegen eines Mannes in Konkurrenz zueinander. In dem Artikel „Blondes vs. Brunettes: TV Shows with Betty and Veronica-Style Love Triangles“ aus dem Jahr 2011 schreibt die Autorin Tucker Cummings „… the blonde (is) stable, and typifies the ‚girl next door,‘ while (the) … brunette, is haughty, and a bit more exotic.“

Die blonde Grace steht für das „Gute“, wohingegen die russische Herzogin Petrova (links oben), Ada Shelby (links unten), Tommy Shelbys zweite Ehefrau Lizzy (rechts oben) und seineTante Polly (rechts unten) dunkelhaarig sind und mit kriminellen Machenschaften zu tun haben

Blonde Frauen in Medien werden oft als weniger intelligent, aber auch „rein“ oder „gut“ dargestellt. Die dunkelhaarigen gelten als exotisch, „wild“, aber auch intelligent (siehe zb Hermine aus den Harry Potter Büchern und Filmen). Es gibt in Peaky Blinders diverse „Betty vs. Veronica-“-Momente (Betty steht für die Blonde, Veronica die Brünette), etwa, wenn die braunhaarige, braunäugige May Carleton, mit der Tommy eine Affäre hat, mit Grace (blond, blaue Augen) in einen Dialog tritt, die grade erst wieder in Tommys Leben zurückgekehrt ist (und auch noch schwanger von ihm). Die beiden stehen, obwohl sie sich vor dieser Szene nie getroffen haben, in klarer Konkurrenz, sobald Grace von der Affäre erfährt. Sie ist zu dem Zeitpunkt in keiner Beziehung mit Tommy, kann es aber offensichtlich nicht aussehen, wenn er eine Affäre mit einer anderen Frau hat. Generell scheint so gut wie jede Frau, abgesehen von seiner eigenen Schwester und seiner Tante, Tommy Shelby haben zu wollen und andere Frauen als Konkurrenz zu sehen. Zu der eben erwähnten „May vs. Grace-Situation“ gesellen sich eine „Herzogin-Petrova vs. Grace-Situation“, eine „May vs. Lizzy“ und eine „Lizzy vs. Jesse Eden- Situation“.

In den späteren Staffeln wird diese Situation etwas aufgelöst, so gibt es in der fünften und sechsten Staffel eine blonde „böse“ Frau, Diana Mitford. Die ist allerdings ein Nazi und vermutlich daher blond dargestellt, zudem war die echte Diana Mitford (die Figur beruht auf einer historischen Person) hellhaarig. Ab Staffel 5 taucht außerdem die Figur Gina Gray auf, eine Amerikanerin, die ebenfalls blonde, sogar platinblonde Haare hat und auch keine sympathische Figur ist.

Politischer und historischer Unsinn und schlechte Recherche

In Peaky Blinders treten diverse, historische Figuren auf. Neben Churchill, der als Charakter von Anfang bis Ende dabei ist, spielt ab der 5. Staffel Oswald Mosley eine große Rolle. Der Gründer der „British Union of Fascists“, gegründet 1932, ist eine echte, historische Figur. Er heiratete 1936 im Haus von Joseph Goebbels und im Beisein von Hitler Diana Mitford, die bis zu ihrem Tod 2003 eine überzeugte Nationalsozialistin war (das Ehepaar war übrigens sehr gut mit der Herzogin von Windsor und ihrem Mann, dem ehemaligen König von England, befreundet und zeitweise ihre Nachbarn. Die Geschichte von den beiden kann man in der Netflix-Serie The Crown verfolgen).

Oswald Mosley und Diana Mitford spielen ab Staffel 5 eine Rolle, die im Verlaufe dieser und der nächsten Staffel wichtiger wird. Sie machen Geschäfte mit Tommy Shelby, der sich auch für Nazis nicht zu schade ist (zu Beginn arbeitet er aber noch gegen sie). Sein Plan ist zunächst, Mosley loszuwerden, indem er in die faschistische Partei Mosleys eintritt und sich zu seinem Stellvertreter erklären lässt. Nachdem Mosley dann laut Plan von ihm ermordet würde, übernähme er die Partei und stürze sie in die Bedeutungslosigkeit. Diese Idee erscheint im Nachhinein ziemlich absurd, funktioniert in der Geschichte aber kurioserweise. Bis zu dem Punkt, an dem das Attentat auf Mosley verhindert wird und zwar durch die IRA, die Irish Republican Army, die in verschiedenen Konstellationen seit 1919 existiert.

Historisch gesehen, ist das der größte Schwachsinn auf der Welt. Die IRA war in den 1930ern stark antifaschistisch orientiert und hat gegen die Nazis gekämpft. Diese Gruppe in der Geschichte so einzubinden, dass sie ein Attentat auf einen großen Nazi-Führer verhindern würde, ergibt keinen Sinn und ist frei erfunden. Es ist tatsächlich das Gegenteil von dem, was die IRA zu der Zeit verfolgt hat. Erst 1940 gab es unter dem damaligen Anführer, Seán Russell, eine kurzfristige Kollaboration der Gruppe mit Nazi-Deutschland, um gemeinsam für ein freies Irland zu kämpfen, und einen Richtungswechsel ins politisch rechte Lager2. In den 1960ern dagegen gewannen wieder linke, marxistische Kräfte an Einfluss und es kam zu einer Spaltung zwischen dem nationalistischen und dem linksorientierten Flügel.

Schon zuvor waren die Darstellungen der IRA in Peaky Blinders äußerst oberflächlich, sie sind in der Serie eine reine Terroristen-Gruppe, ihre Motivation bleibt sehr im Hintergrund. Auch die Anführerin der IRA in der Serie, Laura McKee, auch als Captain Swing bekannt, ist eine erfundene Figur. Man wollte vermutlich noch eine bad-ass-woman hinzufügen. Tatsächlich gab es in der Geschichte der IRA zwar weibliche Kämpferinnen, aber keine weiblichen Führungsfiguren. Von 1926–1936, also in dem Zeitraum, in dem Peaky Blinders spielt, wurde die IRA von dem Sozialisten Moss Twomey angeführt. Es geht in diesem Text nicht darum, die IRA als „gut“ darzustellen, aber wenn man sich einer historischen Sache annimmt in einer Geschichte, sollte man doch wenigstens keine Fakten dazu erfinden oder die Geschichte verdrehen.

Die Darstellung der IRA kann im besten Fall als „Fantasy“ bezeichnet werden und wird u.a. auf der Plattform reddit scharf kritisiert

Der Shelby-Clan wird über den gesamten Verlauf der Serie immer wieder als „Gypsies“ bezeichnet (ich schreibe dieses Wort, weil es in der Serie so vorkommt). Dieser Hintergrund ist ein gelungenes, interessantes Alleinstellungsmerkmal der Figuren. Es erscheint aber zunächst etwas irritierend, da alle Mitglieder der Familie weiß sind. Nach etwas Recherche ergab sich, dass sie sogenannte „Irish Gypsies“ sind, auch als „Pavee“ bezeichnet3. Sie sind keine Roma, die der Durchschnittszuschauer vermutlich als „Gypsies“ erwarten würde, daher passt ihr Aussehen wieder. Leider wird das in der Serie nicht gesagt. Es ist den Zuschauern also entweder egal oder sie müssen es selber herausfinden.

In Folge 4 der ersten Staffel spricht Tommy Shelby mit einer Anführerin der Lees, die ein Roma-Clan sind. Die beiden sprechen eine Sprache, die entweder Shelta sein sollte, die Sprache der Pavee, von denen ja die Shelbys abstammen, oder Romani, die Sprache der Roma, die die Lees sind. Tatsächlich sprechen sie aber leider rumänisch. Romani stammt vom Indischen ab, wohingegen rumänisch eine europäische Sprache ist, die in dem Land Rumänien gesprochen wird. Es gibt zwar auch Roma in Rumänien, die Sprache hat aber nichts mit der rumänischen Sprache zu tun und Anfang des 20. Jahrhunderts hatten diese auch keine Verbindung zu den Pavee in England. Wie dieser Fehler zustande gekommen ist, fragt man sich schon (vielleicht wurden die englischen Worte romanian und romani verwechselt?) und wie so schlecht recherchiert werden konnte, bleibt offen, wenn es in 10 Minuten per Google herauszufinden ist. Solche Fehler verärgern zu Recht Fans, vor allem rumänische, Roma-Fans und Pavee (Irish Traveller) kamen sich an dieser Stelle sicherlich etwas arrogant behandelt vor. Sollte man nicht mit einem/einer Muttersprachler*in oder im Fall einer historischen Serien mit einer/einem Historiker*in sprechen, um die Übersetzung abzusegnen? Ist es den Macher*innen und Schauspieler*innen nicht peinlich, mit solchen Fehlern an die Öffentlichkeit zu treten?

Rumänisch scheint eine schöne Sprache zu sein, sie ist aber leider nicht die Sprache der Pavee und Roma

Auch an anderen Stellen gibt es in der Serie historische Fehler oder Ungenauigkeiten, vor allem in Bezug auf Frisuren und Kleidung. Während die Frisuren und die Kleidung der Herren historisch akkurat sind (und visuell sehr herausstechen), trägt z.B. die Figur der Grace in der ersten Staffel ihr offenes Haar in lockeren beach waves. Das ist, geschichtlich betrachtet, einfach falsch. Für eine unverheiratete Frau, die keine Hure war, wären zu dieser Zeit offene Haare in der Öffentlichkeit unvorstellbar gewesen. Abgesehen davon, dass beach waves als Trend erst ca. 50 Jahre nach Peaky Blinders, also in den 1970ern aufkamen. Auch Ada Shelbys Bob in der ersten Staffel soll vielleicht auf ihre Jugend hinweisen, ist aber ein etwas zu extremes Vorgreifen in die Zukunft, diese Frisur ist tatsächlich erst etwa fünf bis sieben Jahre später aufgekommen.

An dieser Stelle muss man allerdings sagen, dass manchmal visuelle Entscheidungen getroffen werden, die historisch nicht ganz akkurat sind, um etwas über den Charakter auszusagen, das ist die Freiheit der Kunst. So ist Tommy Shelbys Haarschnitt in der ersten Staffel sicherlich etwas zu radikal für die Zeit, ein historisch akkurater Haarschnitt hätte aber, laut Loz Schiavo, die für Haare und Make-Up in Staffel 1–4 verantwortlich war, langweilig ausgesehen. Am Anfang ist Tommy Shelby ein Gangster von der Straße, sein Haarschnitt soll radikal, krass, auffallend, underground und ein bisschen punk/selbstgemacht aussehen. Ab Staffel 3 sind die Haare ein wenig länger und viel sauberer, professioneller geschnitten, um zu zeigen, dass er erwachsener geworden ist und inzwischen auch eine öffentliche Figur, die noch mehr auf ihre Erscheinung achten muss. Seine Haare sind professionell von einem Barbier geschnitten und nicht mehr privat. Genauso sind die Haare von Arthur Shelby etwas länger als Tommys, da er ziemlich kaputt und zwischendurch fast verwahrlost ist und sich nicht allzu sehr um ein sauberes Aussehen bemüht

Ästhetisch sehr stark, Story eher schwach

Es gibt über Peaky Blinders einiges zu sagen, schließlich umfasst die Serie sechs Staffeln, daher kann in diesem Text nicht auf alles eingegangen werden. Insgesamt ist Peaky Blinders keine schlechte Serie, auch wenn sie einige Fehler und Klischees beinhaltet und sehr viel auf kurzfristiger, leerer Spannung aufbaut. Auch laufen alle Staffeln nach dem selben Prinzip ab, es gibt immer irgendeine ausweglos erscheinende Situation, aus der die Shelbys letztlich nur durch einen schlauen Plan von Masterbrain Tommy Shelby herausfinden können. Diese Erzählweise ist ziemlich vorhersehbar und außerdem auch in der Vergangenheit schon zu oft angewendet. Auch konnten die restlichen Staffeln die Qualität und Atmosphäre der ersten Staffeln nicht mehr erreichen. Alles war noch viel roher am Anfang, viel dreckiger, chaotischer und konfliktgeladener.

Ästhetisch gesehen ragt die Serie deutlich heraus, man wird als Zuschauer schnell in die Welt des Industrieortes Birmingham/Small Heath in den 1920ern, später 1930ern hineingezogen. Es macht sehr viel Spaß und verschafft visuelle Befriedigung, den Shelbys bei ihrem Aufstieg zuzusehen. Besonders die Kleidung der Männer, aber auch Ada Shelbys Kleidung (insbesondere ab Staffel 4) schmeichelt dem Auge. Die Figuren sind individuell, besonders der Charakter Arthur Shelby, der hier in dem Text nicht so eine Beachtung gefunden hat (weil es an ihm nichts zu kritisieren gibt, kleiner Spaß), tritt hervor. Eine tolle Leistung des Schauspielers, selten hat man einen inneren Konflikt so an die Oberfläche einer Figur treten lassen, selten einen Absturz so schmerzhaft miterlebt. Die Zerrissenheit Arthurs schlägt sich wortwörtlich in seinem immer zerfurchteren Gesicht nieder, sein Altern in den Staffeln, die Verzweiflung in seinen eingesunkenen Augen ist immens.

Kostüme (und Details) und Settings sind wunderschön und originell und lassen einen in die Welt Englands in den 1920ern und 1930ern eintauchen

Wo in Bezug auf den Look der Serie viel hineingesteckt wurde, wurde leider an der Entwicklung der Story gespart. Dieses Phänomen kann man nicht nur bei Peaky Blinders betrachten. Es wird offenbar viel Geld ausgegeben, um extrem aufwändige Sets und Kostüme zu entwickeln, die eine*n Zuschauer*in zum Teil fast visuell überwältigen, und im Bereich Story-Entwicklung gespart. Das ist traurig, ist eine Geschichte doch nur komplett, wenn Look und Story übereinstimmen und eine Gesamtkomposition ergeben.

Quellenangaben
  1. ein Winchester Shirt, benannt nach seinem Erfinder Oliver Fisher Winchester, ist ein gemustertes Hemd mit einfarbigem Kragen und Manschetten (oft weiß) ↩︎
  2. vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Se%C3%A1n_Russell ↩︎
  3. „Als Pavee, englisch auch Tinker, Gypsie, Itinerant oder Irish Traveller, sowie irisch Lucht Siúil genannt, wird ein Mitglied der gleichnamigen und als fahrend beschriebenen soziokulturellen Gruppe irischen Ursprungs bezeichnet, die vor allem in Irland, Großbritannien und den USA lebt“ (Quelle: Wikipedia/Pavee. Abgerufen am 06.12.2022) ↩︎