Kurzfilm, 4:54
CN (für die Serie, nicht für den Text): kein CN
Achtung, Spoiler.
Loin du 16e ist ein französischer Kurzfilm von 2004. 18 dieser Kurzfilme wurden in dem Episodenfilm „Paris je t´aime“ zusammengefasst. Alle Episoden erzählen Geschichten von und in Paris und dauern jeweils ca. 5 Minuten.
Es ist früh am Morgen, fast noch Nacht, das Licht noch dunkelblau. Der Wecker klingelt schrill. Eine junge Frau mit langem, schwarzem Haar wird geweckt. Sie sitzt einen Moment im Bett und reibt sich die Augen. Sie ist müde, aber sie muss los. In der Morgendämmerung läuft sie mit ihrem Baby auf dem Arm, das in eine Decke eingewickelt ist, hektisch durch die Straßen. Die Umgebung ist trist und beengt, graue Hochhäuser aus Beton reihen sich aneinander. Trotz dieser frühen Stunde sind viele Menschen unterwegs.
Sie bringt ihr Baby in eine Krippe. Es stehen viele Betten aneinander gereiht in dem lieblosen, funktionalen Raum, der von einer Neonlampe an der Decke grell erleuchtet wird. Niemand anders ist hier, niemand nimmt das Baby in Empfang. Sie muss es alleine lassen, hoffen, dass es schnell einschläft und nicht merkt, dass sie weg ist. Als sie aus dem Raum geht, fängt der Kleine an, zu weinen. Sie hält inne. Sie hat keine Zeit. Sie geht zurück, kann ihn nicht weinen lassen. An seinem Bettchen singt sie ein Schlaflied auf spanisch. Sie lächelt ihn an, spielt ihm mit ihren Händen etwas vor. Ihre Liebe für ihn wird sehr deutlich.

Für die junge Frau, deren Name nie genannt wird, folgt eine endlos scheinende Odyssee durch die Stadt auf dem Weg zur Arbeit. Der Titel des Films „Loin du 16e“, der mit „Weit weg von 16e“ übersetzt werden kann, bezieht sich darauf. Das 16. Arondissement in Paris ist ein schickes, teures Wohnviertel. Die junge Frau arbeitet hier, aber sie lebt außerhalb, in den tristen Banlieus, von denen der Weg sehr weit ist. Sie fährt mit einem Bus, der überfüllt ist, dann mit einer Bahn. Sie schaut auf die Uhr, wirkt angespannt. Sie rennt durch eine stressige, laute U-Bahn-Station, nickt kurz in der Metro ein. Vom Tagesanbruch bekommt sie wenig mit, da sie unter der Erde fährt. Nach einem weiteren Umstieg zwischen Massen von Menschen und einer weiteren Bahnfahrt, sie ist inzwischen ziemlich gestresst und sieht häufiger auf die Uhr, ist sie endlich am Ziel. Sie steigt aus und geht die Treppen der U-Bahn-Station hoch. Die Vögel zwitschern, in der Mitte der Allee stehen Bäume. Die Umgebung ist ruhig. Die Häuser haben Stuckfassaden, es stehen viele Autos herum.
Schnell läuft sie über die Straße, klingelt an einer Tür. „Ana, bist du es?“, fragt eine Frauenstimme aus der Gegensprechanlage, die Zuschauer*innen erfahren zum ersten Mal ihren Namen. Sie geht rein und steht in einer weitläufigen Küche mit sehr hohen Decken. Es ist eine wunderschöne Altbauwohnung, ihre Schritte hallen in dem großen Raum. Rasch geht sie zu einer Kammer, in der sie ihre Tasche und Jacke ablegt. Eine Frau redet mit ihr von einem anderen Raum aus, man sieht sie nicht. Sie sagt, sie müsse zur Arbeit, Ana solle sie um 12h anrufen und sagen, wie der Morgen war. Ana lächelt, sagt ja. Dann sagt die Stimme, sie komme heute etwas später, eine Stunde oder etwas mehr, da sei doch sicher kein Problem? Anas Lächeln erlischt, sie denkt eine Sekunde nach. Dann sagt sie, nein, kein Problem. Sie muss es sagen, sie braucht diesen Job. Ihr Baby muss warten.
Ihre Arbeitgeberin weiß es nicht oder es ist ihr egal. Sie bezahlt Ana ja schließlich.
Nachdem die Frau die Wohnung verlassen hat, fängt im Nebenzimmer ein Baby an, zu schreien. Ana hält einem Moment inne, denkt an ihr eigenes Kind. Dann bindet sie ihre Haare zusammen und geht in das Zimmer. Die Arbeit ruft, das Baby braucht Trost. Sie singt ihm das selbe Lied vor, das sie ihrem eigenen Kind vorgesungen hat. Doch diesmal ist ihr Blick leer, es ist eine Pflicht, ein Job. Sie kann nicht umhin, Ungerechtigkeit zu empfinden.
Ana steht in dem Raum und sieht alles, was sie nicht hat. Die Wohnung ist wunderschön, das Kinderzimmer groß, mit allem, was ein Baby braucht. Schaut man hier aus dem Fenster, sieht man auf Bäume, es ist angenehm ruhig und entspannt. Anas Blick aus ihrem Fenster geht auf Beton, graue Hochhäuser, die den Himmel verdecken, die Umgebung ist stressig, hektisch, laut. Alle müssen zum Job, keiner hat Zeit. Sie muss ihr Kind zurücklassen, um ihm etwas bieten zu können. Sie sitzt hier bei diesem fremden Baby, während ihr Baby bei einer Fremden ist. Auch wenn Ana ihre ganze Liebe und Fürsorge hergibt, ist dieses Baby ebenfalls nicht bei Jemandem, der es wirklich liebt, Ana wird bezahlt, um es zu versorgen. Alles ist entmenschlicht, entrissen, um die Existenz sichern zu können.
Es ist eine Geschichte der Arbeiterklasse, der prekär Beschäftigten. Ana hat das Privileg nicht, in Mutterschutz zu gehen, sie muss ihr wenige Wochen altes Baby zurücklassen. Sie darf sich nicht ausruhen. Auch ihre Arbeitgeberin geht zur Arbeit, ihr Kind ist ebenfalls wenige Wochen alt. Doch sie kann sich ein privates Kindermädchen leisten, ihr Kühlschrank ist voll, vielleicht hat sie einen Job, in dem sie sich „verwirklichen“ kann. Sie lebt in einer angenehmen Umgebung.
Loin du 16e dauert nur 5 Minuten und hat keine großen Schauplätze. Die Geschichte ist sehr einfach, orientiert sich ausschließlich an ihrer Hauptfigur. Dennoch ist in ihm alles enthalten, der Bogen spannt sich um das Lied, das Ana den Kindern vorsingt und die Art, wie sie es macht. Man braucht keine großen Worte oder opulenten Szenen, um die Gegensätze der Leben dieser beiden Frauen, von denen man die eine nie zu Gesicht bekommt, darzustellen. Alleine die Umgebung, der lange Weg, die Viertel, in denen eben die eine oder die andere leben kann, sagen alles über soziale Ungerechtigkeit und Chancenungleichheit in dieser Gesellschaft.
Qué linda manito que tengo yo,
qué linda y blanquita que Dios me dio.
Qué lindos ojitos que tengo yo,
qué lindos y negritos que Dios me dio.
Qué linda boquita que tengo yo,
qué linda y rojita que Dios me dio.
Qué lindas patitas que tengo yo,
qué lindas y gorditas que Dios me dio.
What a pretty little hand I have,
How pretty and white that God gave me.
What beautiful eyes I have,
Beautiful and black that God gave me.
What a pretty mouth I have,
Pretty and red that God gave me.
What beautiful legs I have.
Beautiful and plump that God gave me.