Spielfilm, 2:59:08
CN: Vergewaltigung, Gewalt, Femizid
Achtung, Spoiler.
Rocco und seine Brüder ist ein Film aus dem Jahr 1960 des italienischen Meisterregisseurs Luchino Visconti, den man heutzutage vor allem mit den Filmen „Der Leopard“ (1963) und „Tod in Venedig“ (1970) in Verbindung bringt.
Der Stil des Films ist dem Italienischen Neorealismus zuzuordnen1, der, unter anderem durch marxistische und kommunistische Ideen beeinflußt, eine linke Antwort auf den italienischen Faschismus darstellte2. Dieser Filmstil zeichnet sich dadurch aus, besonders „echte“ Geschichten zu erzählen. Die Idee war, durch eine realistische Darstellung der Leben einfacher Menschen das Verständnis der Menschen untereinander und ihre Solidarität zueinander zu fördern. Cesare Zavattini, ein Autor und Theoretiker des Neorealismus, sagte, es gehe darum „die Dinge, wie sie sind, fast allein sprechen zu lassen und sie so bedeutsam wie möglich werden zu lassen“. Rocco und seine Brüder galt nach der Uraufführung als Skandalfilm, die bis heute äußerst brutalen Vergewaltigungs- und Femizid-Szenen wurden zensiert. Trotz dessen war er kommerziell äußerst erfolgreich und ebnete Alain Delon den Weg zu großem Ruhm. Erst 1993 wurde der Film zum ersten Mal in Deutschland gezeigt3.
Der große Traum vom Norden
Rosaria Parondi und vier ihrer fünf Söhne reisen aus dem armen Süden Italiens in den reicheren Norden, nach Mailand. Dort lebt ihr ältester Sohn Vincenzo, der in der modernen Großstadt Arbeit gefunden hat. Nach dem Tod ihres Ehemanns muss Rosaria versuchen, ihren Söhnen eine neue Perspektive zu bieten, um ihre Existenz sichern zu können. Sie hofft, dass Vincenzo seine Brüder mit Arbeit versorgen und die Familie in Mailand neu anfangen kann.

Kaum aus dem Zug von Lukanien ausgestiegen, platzt die übermüdete Familie, die ihren gesamten Besitz in ein paar Taschen mit sich trägt, direkt in die Verlobungsfeier von Vincenzo herein, die an diesem Abend stattfindet. Vincenzo hat sich in Mailand ein ordentliches Leben aufgebaut und eine hübsche Frau aus einer „guten Familie“ kennengelernt. Rosaria wusste nichts davon, sie ist aus Not nach dem Tod ihres Mannes nach Mailand gekommen und steht mit ihrem ganzen Besitz vor Vincenzo und der Familie seiner Verlobten. Obwohl die Familie Vincenzos Mutter und seine vier Brüder zunächst freundlich willkommen heißt, kommt es schnell zum Streit zwischen Rosaria und der Mutter von Vincenzos Verlobten, in Folge dessen die Familien den Kontakt zu einander abbrechen und die Parondis vorerst in eine Sozialwohnung umziehen. Vincenzo trennt sich von Ginetta und obwohl er das Boxen, das ihm nie Spaß gemacht hat, aufgeben wollte, kehrt er aus finanziellen Gründen kurzfristig zu dem Sport zurück und führt auch seine Brüder Simone und Rocco in diese Welt ein.
Die freigeistige Nadia
Eines Abends trifft Vincenzo im Hausflur Nadia, die sich vor ihrem wütenden Vater verstecken muss und nach einer Auseinandersetzung nicht mehr in die Wohnung ihrer Eltern zurückkehren kann. Er ist direkt beeindruckt von ihrer humorvollen und selbstbewussten Art. Im Laufe ihres Gespräches stellt sich heraus, dass Nadia eine Prostituierte ist.

Die Brüder finden Arbeit und ihre Situation verbessert sich ein wenig. Vincenzo gibt das Boxen auf und arbeitet auf einer Baustelle. Simone dagegen wendet sich dem Boxen zu und versucht, damit Geld für die Familie zu verdienen. Nach Vincenzo ist er der Zweitälteste und mit verantwortlich für die Existenzsicherung seiner Mutter und jüngeren Brüder. Leider bleibt er erfolglos, ist nicht talentiert und diszipliniert genug. Auch Rocco trainiert, hält sich aber vorerst im Hintergrund. Er arbeitet in einer Wäscherei. Simone trifft sich nun mit Nadia, er verliebt sich in sie und möchte mit ihr zusammen bleiben, sie hingegen betrachtet ihre Affäre als kurzweiliges Vergnügen.
Nadia ist frech und gewitzt, sie hat immer ein Zwinkern im Auge. Sie lässt sich nicht besitzen, mag ihre Selbstständigkeit. Sie verdient ihr eigenes Geld und ist finanziell unabhängig. Mit ihrer Art dominiert sie jede Situation und hat direkt Eindruck bei allen Parondi-Brüdern hinterlassen. Obwohl Nadia eine Sexarbeiterin ist, wird sie an keiner Stelle respektlos oder demütigend dargestellt. Damit ist der Film äußerst fortschrittlich und kann bis heute an vielen Stellen als Vorbild für eine sensible, klischeefreie Darstellung marginalisierter Gruppen und gesellschaftlicher Randfiguren dienen.
Rocco & Nadia
Der Film ist in 5 Kapitel aufgeteilt, eins für jeden Sohn der Familie Parondi. Die Kapitel werden dem Alter der Brüder nach erzählt, Kapitel 1 für Vincenzo, den Ältesten, dann folgen Simone, Rocco, Ciro und Luca. Obwohl der Titel die Figur Rocco hervorhebt, wird dieser erst im Verlauf des Films wichtiger.
Erst nach über einer Stunde verlagert sich der Fokus auf Rocco, der inzwischen als Soldat in einer anderen Stadt lebt. Es ist ein Jahr vergangen. Am Hafen trifft Rocco zufällig auf Nadia, die ein Jahr Gefängnis hinter sich hat und neu anfangen möchte. Die beiden trinken einen Kaffee zusammen und verstehen sich auf Anhieb. Nadia ist frustriert und erschöpft von der harten Zeit im Gefängnis. Der hilfsbereite Rocco erzählt Nadia eine Geschichte über das harte Leben in seiner Heimat. Sie teilen einen intimen Moment.
Rocco: Tja, so ist das eben bei mir zuhause in meiner Heimat.
Nadia: Ich verstehe. Deswegen lauft ihr alle weg und kommt in den Norden.
Rocco: Ich wär geblieben, wenn ich gekonnt hätte.
Nadia: Warum? Gefällt dir Mailand nicht?
Rocco: Doch, aber…wenn wir in meiner Heimat nur die Mittel gehabt hätten für ein besseres Leben…Dort sind wir geboren, dort sind wir aufgewachsen. Ich glaub nicht, dass ich mich in einer großen Stadt wohlfühlen könnte. Das ist, weil ich da nicht geboren wurde und weil ich da nicht aufgewachsen bin. Ich spreche zwar nur von mir, aber ich glaube, bei meinen Brüdern muss es genauso sein. Bei meinen Landsleuten.

Die beiden kehren gemeinsam nach Mailand zurück, verbringen viel Zeit miteinander und verlieben sich schließlich. Rocco unterstützt Nadia bei ihrem Vorhaben, ihr Leben zu ändern. Sie geht zur Stenotypistinnen-Schule4, möchte weg von der Straße und eine ernsthafte Beziehung mit ihm eingehen.
Gewalt und Unterdrückung
Nach einer demütigenden Niederlage im Ring erfährt Simone von der Beziehung zwischen Rocco und Nadia. Eines Nachts verfolgt er die Beiden zusammen mit einer Gruppe von Freunden. Er findet das Paar in einem abgelegenen Park, wo sie sich zärtlich küssen. Simone attackiert Rocco und fordert, er müsse sich bei ihm „entschuldigen“. Er könne mit jeder zusammen sein, nur nicht mit Nadia. „Die da hat mir gehört.“ Rocco reagiert langsam, kann nicht glauben, dass Simone ihn tatsächlich angreifen möchte. Er lächelt Nadia siegessicher an und fragt Simone naiv, „Wofür denn entschuldigen?“, da schlägt Simone ihm mit der Faust ins Gesicht. Rocco hat seine rasende Wut und Aggression unterschätzt. Er und Nadia haben nichts Falsches getan. Es ist Simone, der gewalttätig agiert, ihre Beziehung nicht akzeptieren kann und sich Nadia gegenüber besitzergreifend verhält, obwohl ihre Affäre schon zwei Jahre her ist.
Was folgt, ist eine der brutalsten Szenen der jüngeren Filmgeschichte, eine Szene, die bis heute aufwühlt. Simone schlägt Rocco mehrmals ins Gesicht, bis er blutet und während zwei seiner Freunde ihn festhalten, vergewaltigt er Nadia vor Roccos Augen. Rocco schreit und brüllt ihn auf italienisch an, dass er aufhören muss, doch er kann sich nicht aus dem eisernen Griff von Simones Komplizen befreien. Er muss diesen brutalen Übergriff mit ansehen, kann nichts tun, um Nadia zu helfen. Nadias Hilfeschreie verstummen, sie fügt sich und nach der Tat stolpert sie weinend und gebrochen alleine durch die Dunkelheit. Simone ist mit Rocco noch nicht fertig, er verfolgt Rocco, der zu fliehen versucht und schlägt ihn bewusstlos.
Beim nächsten Zusammentreffen mit Nadia sagt Rocco ihr, dass er ihre Beziehung beendet. Er versucht trotz allem, seinen Bruder zu verteidigen, behauptet, Simones Eifersucht sei auch seine und Nadias Schuld. „Nur jemand, der wirklich verzweifelt ist, ist zu so etwas fähig.“ Er versucht gar, Nadia dazu zu bewegen, zu Simone zurück zu kehren, denn nur sie könne „ihn retten“. Roccos Motive für sein Verhalten bleiben unklar. Warum entscheidet er sich für seinen Bruder und gegen Nadia? Nadia ist verzweifelt, sie bittet Rocco, sie nicht zu verlassen, was ist denn mit dem neuen Leben, mit der Perspektive? Aber Rocco sieht sie nur mit seinen großen Augen an, eine Träne läuft über seine Wange. Nadia geht und sagt ihm noch, dass er diesen Schritt bereuen werde5.

Rocco zeigt Verständnis für das Verhalten seines Bruders, obwohl er ganz genau weiß, was Simone ihm und Nadia angetan hat. Interessanterweise tut der Film dies aber nicht. Der Regisseur versucht nicht, Simones Perspektive einzunehmen, seine Eifersucht zu erklären oder gar zu entschuldigen. Die Szene, in der Simone Nadia und Rocco angreift, ist so brutal, grauenhaft und eindrücklich, dass man nie vergisst, wer Täter und wer Opfer ist. Es wird vielmehr fraglich, warum Rocco keine Initiative ergreift, um Nadia zu schützen. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte, nachdem Nadia auf Roccos Geheiß hin zu Simone zurückkehrt, ihn sogar heiratet und dabei immer zynischer wird, wird das Verhalten der Familie Nadia gegenüber nicht entschuldigt. Man sieht als Zuschauer vielmehr machtlos dabei zu, wie die einst lustige, autonome Nadia immer weiter unterdrückt und demoralisiert wird, so wie Rocco gezwungen war, bei ihrer Vergewaltigung zuzusehen. Vielleicht ist es letztlich sogar Rocco, der fast so verrückt wie Simone wird, indem er das missbräuchliche System aktiv weiter aufrecht erhält, das Nadia und letztlich auch ihn ins Unglück zwingt. Auch hier wird wieder kritisch mit dem Thema umgegangen. Verhaltensweisen und Taten werden zwar dargestellt, allerdings nicht unkommentiert gelassen. Es ist vielmehr eine Auseinandersetzung mit Positionen und Ansichten, die teilweise auch zu Konflikten der Figuren untereinander führt.
Die heilige Familie
Simone trinkt immer mehr, ist inzwischen arbeitslos, verbittert und aggressiv, nur noch ein Problem. In seinem Zustand kann er nicht mehr gut boxen. Rocco springt für ihn ein, der Boxcoach entdeckt sein Talent. Rocco übernimmt diese Rolle für Simone, um seine Fehler auszubügeln, ist dabei aber unglücklich. Obwohl er Talent hat, mag er das Boxen nicht, er ist zu friedliebend und sanft für diesen brutalen Sport.
Rocco möchte sich nicht eingestehen, dass Simone zu einem Problem geworden ist. Vincenzo und Ciro haben damit weniger Schwierigkeiten, sie gehen nüchtern und vernünftig mit der Situation um und versuchen auch, Rocco umzustimmen. Immer wieder suchen sie das Gespräch mit ihm, sagen ihm, er solle sich von Simone los machen. Doch Rocco bleibt stur und als heraus kommt, dass Simone bei seinem Boxcoach über 400.000 Lire Schulden hat, unterschreibt er einen 10-Jahres-Vertrag im Boxen, um Simones Schulden abzuarbeiten. Er ist deutlich unter Druck und fühlt sich damit nicht wohl, doch er sieht es als seine Pflicht, die Familie, die schon längst auseinander bricht, um jeden Preis zusammenhalten.
Rocco: Cerri hat mir das Blaue vom Himmel versprochen, wenn ich mich für zehn Jahre bei ihm verpflichte. Er will mich nach Brüssel bringen, nach London. (lacht auf) Ist ja ganz egal, wohin.
Vincenzo: Aber Rocco, du hast mir doch immer gesagt, dass du kein Boxer werden willst. Und jetzt willst du dir wegen diesem gewissenlosen Kerl dein ganzes Leben gleich für immer verpfuschen.
Rocco, trotzig: Na und? Wisst ihr vielleicht einen anderen Weg, Simone nicht vor die Hunde gehen zu lassen?
Während er sich auf seinen ersten großen Kampf vorbereitet, wird Simone in einer Bar ausgelacht und beleidigt. Seine ehemaligen Freunde machen sich darüber lustig, dass sein kleiner Bruder nun für ihn die großen Kämpfe gewinnt, während er schon tagsüber betrunken ist. Seine Frau, mit der Simone nur noch eine platonische Beziehung führt, arbeitet wieder als Prostituierte. Simone erfährt dies erst in dieser Szene. Er hat in seiner Rolle als männlicher Versorger vollkommen versagt. Getrieben von Scham und Eifersucht sucht er Nadia auf, die in einem einsamen Waldstück grade von einem Freier zurückkommt. Ein letztes Mal bittet er sie, zu ihm zurück zu kommen. Er würde sie ja lieben. Nadia reagiert sarkastisch, sie lacht ihn aus und fragt, ob er wegen Geld gekommen sei. Simone attackiert sie, reißt ihr das Kleid herunter. Sie versucht, zu fliehen, er packt sie. Die Szenen von Simones Übergriff auf Nadia und ihrem Kampf mit ihm sind zusammengeschnitten mit den Szenen von Roccos Kampf im Boxring. Er wehrt sich anfangs nicht, lässt sich vor aller Augen im Ring verprügeln. Blut tropft von seinem engelsgleichen Gesicht. Eine schöne Metapher für seine Selbstaufgabe zum Erhalt der Familie und Simones Wohl. Und auch Nadia weißt das, als sie Simone in einem letzten trotzigen Akt entgegen schleudert, er habe das Einzige kaputt gemacht, das in ihrem Leben je schön war: Rocco.
„Es ist mir ein Vergnügen, dir endlich ins Gesicht zu sagen, wie unsagbar ich mich vor dir ekle. Jetzt kannst du mit mir machen, was du willst. Mich berührt nichts mehr.“
Sie geht ein Stück voraus in ihren schwarzen Dessous, die sich scharf gegen den grauen Hintergrund des einsamen Waldstücks am See abzeichnen. Simone zückt ein Messer und läuft ihr hinterher. Sie dreht sich um, erwartet ihn. Sie breitet die Arme aus, unterwirft sich ihm ganz. Rocco gewinnt im Kampf die Oberhand, es sieht nach einem Sieg für ihn aus. Nadia legt ihre Arme um Simone, eine fast liebevolle Umarmung, als dieser zusticht. Brutal ermordet er die um ihr Leben bettelnde, schreiende Nadia. Der Schiedsrichter gibt ein Zeichen, die Menge jubelt, die Runde ist vorbei. Rocco hat den Kampf gewonnen. Nadias Gegner, das Patriarchat, war zu mächtig.

Bei einem Abendessen feiert die Familie Roccos Sieg und seinen Erfolg. Die fröhliche Stimmung wird durch Simone unterbrochen, der in die Feier platzt. In einem Nebenraum gesteht er Rocco den Mord an Nadia. In einer äußerst dramatischen Szene ringen die Mitglieder der Familie miteinander, wissen nicht, was sie tun sollen. Sie schreien und weinen, nur Ciro behält als einziger den Verstand und verständigt die Polizei. Die Familie ist vollends zerstört, Rocco hat verloren. Simone muss ins Gefängnis, er konnte ihn nicht retten.
Im letzten Augenblick wird Rocco seine Niederlage klar. Er hat die falsche Entscheidung getroffen, doch er kann nicht mehr zurück. Er ist durch seinen Box-Vertrag in ein Leben gezwungen, das er nicht wollte, für eine Familie, die nicht mehr existiert. Sein Bruder hat seine große Liebe getötet, die er geopfert hat. Dass sie so grausam ermordet wurde, ist auch Roccos Versagen zuzuordnen. Er hat alles verloren.
Der Film ist aufwühlend, emotional und traurig. Das Thema Versagen spielt eine große Rolle. Simone, der in der Großstadt versagt, Rocco, der in Bezug auf Nadia versagt. Ein System, das hinsichtlich der Menschen versagt. Ein Leben, fern ab von jedem Wunsch, jeder Vorstellung, wie es sein könnte.

Rocco und seine Brüder ist eher wie eine Serie als wie ein Film erzählt (der Film dauert über drei Stunden). Die Geschichte macht eine ganze Welt auf mit sehr vielen Charakteren und unzähligen Nebenrollen. Ständig gibt es große Szenen mit vielen Statisten, lange Einstellungen, in denen ein Setting vorgestellt wird. Die Kamera hat stets das Große Ganze im Blick, konzentriert sich nicht nur auf die Hauptgeschichte zwischen Rocco und Simone. Es ist ein Film über Migration, über Armut, über Männlichkeit und das Gefühl, entwurzelt, haltlos zu werden. Trotz seiner über sechzig Jahre sind die Themen aktuell, bleibt der Film eindrücklich. Die anfänglichen Szenen, wie die Familie in ihrer Kellerwohnung den Schnee beobachtet, erinnern stark an den südkoreanischen Film Parasite (2019). Auch hier muss eine Familie um ihre Existenz kämpfen, sich buchstäblich aus der Unterschicht hervor arbeiten.
Am Ende sitzen Ciro und Luca, die beiden jüngsten, zusammen. Ciro hat für Simones Verhaftung gesorgt und den Zorn der Familie auf sich gezogen. Doch er war der einzige, der der toxischen Beziehung zwischen Rocco und Simone, Simones Gewaltexzessen und der Selbstaufgabe Roccos ein Ende setzt. Damit hat Ciro sich auf seine Weise für die Familie geopfert.
Ciro, mit Tränen in den Augen: Als wir hierher kamen, war Simone kaum älter als du. Und es war Simone, der sofort verstanden hat, was Vince nie verstehen wird. Er hat mir erklärt, dass in unserer Heimat die Bauern alle so leben würden, als ob sie Tiere wären. Arbeit ist alles, was sie kennen. Immer nur Arbeit für die anderen. (er macht eine kurze Pause) Dass aber die Menschen nicht als Knechte für die anderen Menschen leben sollen. (…) Simone hatte früher die besten Anlagen. Aber die Großstadt hat ihn vollkommen vergiftet und deshalb hat er die Güte und die Großzügigkeit von Rocco ausgenutzt. Rocco ist fast wie ein Heiliger. Aber was kann ein Mensch, der sich nicht verteidigt, in dieser grausamen Welt schon ausrichten? Er verzeiht immer und er verzeiht alles. Aber immer ist es vielleicht nicht richtig, zu verzeihen.“
Die „Großstadt“, die Simone Ciros Meinung nach kaputt gemacht hat, kann mit existenziellen Ängsten, finanziellem Druck und Heimatlosigkeit, dem Gefühl, nicht zugehörig zu sein, übersetzt werden. Es gibt keine Entschuldigung für Simones Gewalttaten. Doch Rocco und seine Brüder schafft es immer wieder, den Bogen von den individuellen Figuren und ihren Handlungen zum übergeordneten System der Ausbeutung der Arbeiter und den psychischen Auswirkungen dieser Ausbeutung und Entmenschlichung zu schlagen. Wäre die Lage der Familie Parondi in Lukanien nicht so ausweglos gewesen, wären sie nicht gezwungen gewesen, ihre Heimat zu verlassen. Sie hätten sich aussuchen können, wie ihr Leben verläuft und was sie tun möchten, anstatt zur Sicherung ihrer Existenz in Verhältnisse gezwungen zu werden, die sie individuell und als Familienkollektiv letztlich zerstört haben.
Quellenangaben
- auch wenn er dafür recht spät kam, man bezeichnet die Zeit von ca. 1943–1954 als Italienischen Neorealismus. Diese Stilrichtung gilt als eine der bedeutendsten Strömungen der Filmgeschichte und hat unter anderem die französische Nouvelle Vague und das englische Free Cinema beeinflußt ↩︎
- Mitbegründer dieser Filmrichtung waren neben Luchino Visconti andere Filmschaffende und intellektuelle Autoren wie Michelangelo Antonioni, Roberto Rossellini, Federico Fellini, Italo Calvino uvm. ↩︎
- in der DDR hatte man ihn allerdings schon 1962 im Kino sehen können ↩︎
- Stenotypisten sind Büromitarbeiter, die meist diktierte Texte auf einer Schreibmaschine in einen Schriftsatz übertragen. Diese Tätigkeit, die fast immer von Frauen ausgeführt wurde, war nach 1918 der erste Beruf im Angestelltenstatus (also ein sicherer Job), der Frauen offen stand. Dazu wurde er häufig von bürgerlichen Frauen ausgeführt, da er nicht als „proletarisch“ galt (wie zb in einer Fabrik oder auf dem Feld arbeiten) und keine komplizierte Ausbildung brauchte. Die Frauen mussten lediglich das (schnelle) Schreiben auf einer Schreibmaschine beherrschen und gute Kenntnisse in Grammatik und Rechtschreibung haben ↩︎
- Es gab in Italien tatsächlich zu der Zeit ein Gesetz, dass Frauen, die ihre jungfräulichkeit (ob gewaltsam oder nicht) verloren haben, den Mann heiraten müssen, der ihnen diese genommen hat, um ihre „Ehre“ wieder herzustellen. Diese als „Matrimonio riparatore“ (in etwa „reparierende Heirat“) bekannte Vorgehensweise wurde rechtlich durch den Artikel 544 unterstützt, der besagt, dass ein Vergewaltiger straffrei davon kommt, wenn er die betroffene Frau heiratet. Vergewaltigung in der Ehe (wie in Deutschland bis 1997!) galt als „eheliche Pflicht“ und wurde nicht bestraft oder war überhaupt für irgendwen von Interesse. Eine Frau wurde zum Objekt degradiert und „gehörte“ dem Mann, der offensichtlich mit ihr machen konnte, wonach ihm beliebte. 1966 gab es in Italien den ersten Fall, bei dem sich eine Frau nach einem sexuellen Übergriff gegen die Ehe mit ihrem Peiniger wehrte und Erfolg hatte. Der Straftäter musste für 10 Jahre ins Gefängnis. Der Artikel 544 wurde 1981 abgeschafft. ↩︎