3 Staffeln mit jeweils 10, bzw. ab der zweiten Staffel 8 Folgen
CN: Tote Kinder, Suizid, Folter, Mord
Achtung, Spoiler.
Dark ist die erste Netflix-Serie, die komplett in Deutschland entwickelt, produziert und gefilmt wurde. Die Science-Fiction-Mystery-Serie, die 2017 startete und bis 2020 lief, spielt in einer fiktiven, deutschen Kleinstadt namens Winden. Dort gibt es vor allem viel Wald, einige einsame Häuser, in denen die Hauptfiguren mit ihren Familien leben, eine Schule, ein Polizeirevier, ein Atomkraftwerk und die „Windener Höhlen“ im Wald, die in der Story eine wichtige Rolle spielen, weil sich in ihnen ein Portal befindet, durch welches man in verschiedene Zeiten reisen kann.
Die Geschichte beginnt mit einer Gruppe von Teenagern; die wichtigsten unter ihnen Jonas und Martha. Dann gibt es noch Bartosz, Franziska und Magnus, Mikkel und Elisabeth. Sie sind alle 16 Jahre alt, abgesehen von Magnus, der 14 Jahre alt ist und Mikkel und Elisabeth, die ca. 11 Jahre alt sind. Relativ schnell weiten sich die Geschichten und vor allem ihre Zusammenhänge aber auf alle Bewohner des Ortes aus, jede Generation hat ihre eigenen Verstrickungen, die wiederum mit den älteren und jüngeren Generationen verbunden sind. Vom Jahr 2017, in dem die Geschichte beginnt, bewegt man sich relativ schnell ins Jahr 1986, in dem die Elterngeneration von 2017 Teenager waren und von dort weiter nach 1953, als wiederum ihre Eltern Teenager bzw. Kinder waren. In der zweiten Staffel kommen noch die Jahre 1921 und 2053 hinzu, sowie in der dritten Staffel das Jahr 1888.
Achtung: Diese Rezension bezieht sich auf die erste Staffel der Serie. Entwicklungen in den weiteren zwei Staffeln werden nicht berücksichtigt!
Stranger Things im deutschen Kaff
Die Geschichte beginnt mit einem Raum, in dem viele Fotos an der Wand hängen. Es sind alles Portraitaufnahmen von verschiedenen Menschen, Teenagern und Erwachsenen. Eine Stimme eines alten Mannes erzählt dazu etwas von Zeit und Verbindungen, dass „alles zusammenhängt“. Die Fotos sind durch einen Faden verbunden, wie eine Karte1.
Als nächstes sieht man einen Mann, der einen Brief zuklebt. Es ist das Jahr 2019. Sein Bild hing auch an der Wand im ersten Raum. Danach steigt er auf einen Stuhl und erhängt sich.
Auf dem Brief steht „Nicht vor dem 4. November 22:13 Uhr öffnen“. Auf einem Foto an der Wand sieht man den Mann im Kreis seiner Familie: eine dunkelhaarige Frau, ein Teenie-Sohn und eine ältere Frau, die evtl. seine Mutter sein könnte.
Cut zu Jonas, er wacht von einem Alptraum auf. Es ein paar Monate später. Der Mann, der sich erhängt hat, war sein Vater, er ist der Teenie vom Familienfoto. Jonas wirft ein paar Tabletten ein, er ist blaß und hat Augenringe, offenbar hat er grade Probleme. Während er in der düsteren Küche feststellt, dass der Strom ausgefallen ist, hat seine Mutter oben Sex mit einem anderen Mann. Später lernt man ihn kennen, es ist Ulrich, verheirateter Polizist und Vater von Martha, Magnus und Mikkel, Jonas Freunde. Jonas ist in Martha verliebt. Heute ist sein erster Tag zurück in der Schule, nach dem Selbstmord seines Vaters war er ein paar Monate in Behandlung. Traurigerweise ist Martha inzwischen mit Jonas bestem Freund Bartosz zusammen. Pech für Jonas, der grade nicht so gut klarkommt und für alles irgendwie zu langsam ist.

Die Teenies sind alle deprimiert, eine düstere Stimmung umgibt sie. Vor zwei Wochen ist einer von ihnen verschwunden. Überall in der Stadt hängen Plakate mit seinem Foto: der rothaarige Erik, 16 Jahre alt, ist eines Tages nicht nach Hause gekommen, seither fehlt von ihm jede Spur. Vor 33 Jahren gab es schon mal so einen Fall, damals verschwand Mads, der kleine Bruder von Ulrich, dem Polizisten.
Das Ausgangssetting, die Atmosphäre und die Symboliken von Dark erinnern extrem stark an Stranger Things (läuft seit Juli 2016, also etwas mehr als ein Jahr vor Dark). Einen Ticken zu stark, sodass man sich am Anfang fragt, ob Netflix auf Nummer sicher gehen wollte: wenn Stranger Things so mega erfolgreich ist, warum nicht das Konzept und den Look kopieren und nochmal auf deutsch machen? Auch in Stranger Things geht es um eine Gruppe Teenager, auch dort verschwindet einer von ihnen auf mysteriöse Art und Weise. Auch Stranger Things spielt in einer Kleinstadt, auch dort ist es düster und regnet andauernd. Auch dort sind komische, undurchsichtige Unternehmen in irgendwas „verstrickt“ (in Stranger Things ist es eine Forschungseinrichtung eines Energieministeriums, das „Hawkings Lab“, in Dark ein Atomkraftwerk). In Dark spielt einer der Geschichtsstränge 1986 und 1987, Stranger Things spielt komplett in den 1980ern. Auch in Stranger Things werden Lichtquellen/Strom zu Zeichen: hier kommunizieren die Menschen aus der „Gegenwelt“ durch Lampen mit der „echten“ Welt, in Dark bedeuten Stromausfälle und flackernde Lichter, dass etwas passiert. Sowohl in Stranger Things als auch in Dark gibt es andere Welten/Paralleluniversen, die auch in beiden Serien ein „Spiegel“ der uns bekannten, „echten“ Welt ist. In Stranger Things sind es die selben Orte, nur sind sie ganz düster, mit seltsamen Pflanzen überwuchert und verfallen, in Dark sind es tatsächlich gespiegelte Bilder der selben Orte.

Dark schafft es allerdings recht schnell, trotz dieser sehr großen Ähnlichkeiten, eine eigene Story zu entwickeln. Die Ebene der Zeitreisen und generell das Thema Zeit spielt in Stranger Things keine Rolle. Auch werden in Dark Zeitreisen und „ungewöhnliche“ Vorgänge schon versucht, „logisch“ zu erklären, man kann sie eher als Metapher verstehen. Das Thema Generationen und Handlungen/Entscheidungen von Menschen, soll Erklärungen liefern, warum etwas so oder so geschieht. Es gibt keine „Monster“ wie in Stranger Things, die aus einer anderen Welt kommen und bekämpft werden müssen. Die Monster in Dark sind die Menschen selbst, ihre Beziehungen zu einander und die vergangenen oder zukünftigen Versionen ihrer selbst.
Alles ist weiß und gleich und eintönig
Der Cast von Dark ist der undiverseste, weißeste Cast, den ich seit langem gesehen habe. Sogar in der Serie „Lost“, die vor Klischees nur so trotzt, gibt es wenigstens einige Schwarze, asiatische und Latino-Charaktere. Doch in Winden leben offenbar fast ausschließlich weiße Menschen. Ein paar wenige behinderte oder queere (weiße) Charaktere tauchen ab und an auf, aber sie sind in der ersten Staffel derartig im Hintergrund, dass man sie schnell vergisst. Die einzige Transperson in der Geschichte, Benjamin bzw. Bernadette, ist natürlich ein*e Sexarbeiter*in, ein grauenhaftes Klischee, das man sich auch einfach hätte sparen können. Die Figur hat keine Funktion in der Geschichte, sie steht nur für die Untreue und „dunkle Seite“ des Therapeuten Peter Doppler. Bernadette ist dazu die Opposition zur cis-geschlechtlichen, treuen Ehefrau Peter Dopplers. Also einfache Rechnung: Ehefrau=gut, treu, „ordentlich“, „normal“ vs. Transperson=böse, Ehebruch, Sexarbeit, schmutzig/schmuddelig (Bernadette empfängt Peter in einem Wohnwagen), nicht „normal“.
Die Gruppe von Menschen, die uns in Dark präsentiert wird, ist einfach zu homogen, sie sehen auch alle gleich aus. Am Anfang ist es schwer, den Polizisten Ulrich, den erwachsenen Mikkel, den Therapeuten Peter und den erwachsenen Jonas optisch von einander zu unterscheiden. Sie fallen in die gleiche Kategorie Typ: alle weiße Männer, eher groß, schlank, manche mit Bart, andere ohne, Haare dunkelblond, jungenhafter Typ. Ulrich ist der einzige mit einem Charaktergesicht, er könnte auch ein „böser“ sein. Bei den Frauen gibt es immerhin ein paar dunkelhaarige, die man von den blonden unterscheiden kann, mehr ist aber hier auch nicht zu erwarten. Ich denke mal, sogar in einer deutschen Kleinstadt wie Winden gab es 2017 wenigstens ein paar Menschen, die nicht dem Bild der typischen weißen Kartoffel entsprachen. Das fanden die Macher von Dark aber wohl nicht so wichtig oder haben sie absichtlich BPoCs, queere und behinderte Menschen extrem selten und wenn, dann absolut klischeehaft, eingesetzt? Sehen sie die Welt wirklich so? Auch an dieser Stelle fehlt jede Kritik, jedes über das Bestehende hinaus denken. Alles ist immer einfach so und wird auch so stehen gelassen.
Die Gruppe um Jonas und Martha benutzt am Anfang der ersten Staffel immer wieder das Wort „Spasti“, um sich gegenseitig zu ärgern. Die Serie ist von 2017 und nicht 1980 und selbst da war es nicht „lustig“, andere mit so einem behindertenfeindlichen Wort zu beleidigen, auch wenn es vor 45 Jahren noch gedankenloser benutzt wurde. Man kann so ein Wort einsetzen, muss es dann aber kritisch tun, zB um zu zeigen, was für ein Arschloch ein bestimmter Charakter ist oder wie zu einer anderen Zeit der Umgang mit gewissen Ausdrücken war und warum das heute als problematisch empfunden wird (siehe die ewige Debatte um die Verwendung des N-Wortes in Klassikern wie „Pippi Langstrumpf“). In Dark sagen aber die Teenies immer wieder dieses Wort, obwohl sie die Sympathieträger sein sollen, es gibt überhaupt keine kritische Auseinandersetzung damit, es soll „Jugendsprache“ sein. Dazu sage ich: Cringe.

Sorry, aber…deutsche Schauspieler können einfach nicht spielen
Es tut mir leid, dass so hart sagen zu müssen und ich wünschte wirklich, mir würde endlich mal jemand das Gegenteil beweisen, aber deutsche Schauspieler können einfach nicht spielen. Dark sieht sehr viel besser aus, als der durchschnittliche Tatort, die Aufnahmen und Farben sind sehr stimmig, aber die Schauspieler sind genauso scheisse wie in jeder x-beliebigen Folge von „Der Bergdoktor“. Es reicht offenbar in Deutschland, zu existieren, um eine Rolle zu bekommen, man muss nicht einen Deut Talent haben oder auch nur den Anspruch, gut zu spielen. Seltene Ausnahmen wie Franka Potente ergreifen völlig zu Recht die erste Gelegenheit, um im Ausland echte Filme zu machen und nicht diesen Schrott, den Deutsche unter „Fernsehen“ verstehen.
Die äußere Erscheinung der Netflix-Serien ist von hoher Qualität und würde einem das schon reichen, könnte man sich ohne Probleme auf die atmosphärischen Bildwelten von Serien wie „Dark“ oder auch „Peaky Blinders“ einlassen. Allerdings macht eine gute Geschichte mehr aus, als ihr look. Die Figuren tragen die Story, mit ihnen geht man auf eine Reise. Wenn sie nicht authentisch und komplex sind, wird es schwierig. Deutsche Schauspieler sind unbeweglich wie ein Stück Holz, ihre Gesichter grimassenhaft erstarrt, jede Geste überzeichnet. Die Älteren unter ihnen haben sich vermutlich schon mit der Lage abgefunden und bewegen sich innerhalb ihrer Möglichkeiten (und sind glücklich, wenn sie eine dauerhafte Rolle in einem Tatort kriegen, was für eine traurige Aussicht). Im deutschen Fernsehen wird sich nichts getraut, man setzt lieber auf die ewig gleichen „Erfolgsrezepte“ für das ewig gleiche Stammpublikum (das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer 2022 liegt bei 65 Jahren!). Lieber das 200ste Tatort-Team ins Leben rufen, als mal einen mutigen Film zu machen. Lieber vorsichtig eine Geschichte erzählen, um das Publikum nicht zu überfordern, als mal richtig auszurasten und etwas extremes, revolutionäres zu machen. Streamingdienste wie Netflix sprechen zwar ein jüngeres Publikum an als das deutsche Fernsehen, aber die zögerliche Haltung, lieber „auf Nummer sicher“ zu gehen, konnten die Autor*innen von Dark leider trotzdem nicht überwinden.
Vielleicht liegt es auch einfach an den Deutschen, die immer so verkrampft und starr sind. Sie müssen alles im Dialog textlich erklären, weil sie es nicht auf einer emotionalen Ebene können. So etwas wie die israelische Schauspielerin Shira Haas in der Serie „Unorthodox“, eine solche emotionale Reise, ganz nah an einem Charakter, der die Story trägt, mit tausend Empfindungen im Gesicht, das würde ein deutscher Schauspieler leider niemals schaffen.
Und selbst wenn sie versuchen, emotional zu werden, ist es einfach nicht authentisch. In Folge 1 der ersten Staffel schreit Jonas seinen Therapeuten Peter an. „Warum? Warum er gegangen ist, warum so? Warum er sich, scheisse nochmal, erhängt hat?“. Die Pause zwischen der Frage des Therapeuten und Jonas´ Reaktion dauert zu lange, ist zu dramatisch hinausgezögert. Und der emotionale Ausbruch von Jonas ist einfach nicht realistisch, zu verhalten, zu unecht, er kommt zu wenig aus sich heraus. Man hat den Eindruck, er will gar nicht rumbrüllen an dieser Stelle und es passt auch nicht zu dieser Figur. Jonas ist bis dahin total passiv, still und wie betäubt und das ist interessant und nachvollziehbar, immerhin ist seit Vater seit kurzem tot und er auf Tabletten. Warum soll er jetzt so ausrasten? Es ergibt keinen Sinn und ist auch völlig unnötig.
Insgesamt ist das Ensemble von Dark besser als andere deutsche Schauspieler, da ist aber trotz allem noch viel Platz nach oben. Die Stimmung ist zu schwer, die Dialoge zu gestellt, überdramatisiert. In wenigen Szenen wirken die Charaktere mal authentisch und locker, meistens sind sie einfach verkrampft und ihr Agieren wirkt künstlich und unecht. Man sieht einfach, dass sie es grade darstellen und nicht erleben. Sie sprechen die Sätze zu genau aus, es wirkt einstudiert2. Sie artikulieren sich übertrieben, geben den Worten zu viel Gewicht. So eine Spielweise passt in ein Theater, in dem das Publikum aus einer Distanz zusieht. In einem Film/einer Serie ist das Gegenteil angebracht, braucht es minimale Gesten und Bewegungen. Ein Blick, eine Körperhaltung können mehr sagen als tausend erklärende Worte.
Die Kamera klebt oft Zentimeter vor den Gesichtern der Figuren und produziert wunderschöne, intime Aufnahmen. Man möchte diese Menschen kennenlernen, will wissen, was sich hinter Jonas blassem Gesicht verbirgt, ob Bartosz Charakter wirklich so glatt ist wie seine gelackte Erscheinung und warum alle immer dem jungen Ulrich mit so vielen Vorurteilen begegnen, wo er doch so weich und lieb aussieht, wie ein Hundebaby.
Sobald die Schauspieler allerdings anfangen, zu sprechen, verfliegt die Neugier. Sie zerstören die Illusion mit ihrer hölzernen Art, bringen einen unsanft zurück in die Realität. So gesehen könnte man das Ganze als Verfremdungseffekt nach Brecht betrachten, bei dem die Handlung absichtlich durch Kommentare oder Lieder unterbrochen wird, um die Zuschauer*innen aus der Illusion zu reißen und sie eine kritische Distanz zum Gezeigten einnehmen zu lassen.
No thanks for that, Netflix!
Man kann noch viel über Dark sagen, immerhin hat die Serie drei Staffeln und einiges an Inhalt. Weil der Text aber sonst zu lang wird, versuche ich, mich etwas einzuschränken. Die Idee, eine Geschichte über Generationen und Entwicklungen von Figuren zu erzählen, ist an sich gut und bietet einiges an Potential. In Dark gibt es aber zu viele Charaktere, zu viele Versionen der Figuren und zu viele Geschichten, sodass man relativ schnell den Überblick verliert. Durch die Masse an Figuren und Konstellationen dieser Figuren zu einander, bleibt keine Zeit mehr, ihnen Tiefe zu geben. Die Serie müsste eigentlich wie im Format einer älteren Serie, vor Netflix-Zeiten aufgebaut sein, mit 20 Folgen á 1 Stunde und mindestens 5 oder 6 Staffeln. Wie „Lost“ (6 Staffel, 18–25 Folgen pro Staffel), „Sopranos“ (6 Staffeln, 13–21 Folgen pro Staffel) oder „Emergency Room“ (15 Staffeln, 19–25 Folgen pro Staffel).
Leider werden solche Serien aber aktuell kaum noch produziert, lieber schnell eine Story abhandeln, damit man die nächste Serie durcharbeiten und dann weg-konsumieren kann. So viel Potential Miniserien auch bieten, dieses Format passt halt nicht zu jeder Geschichte. So viele Möglichkeiten Netflix auch bietet (ohne Netflix würde in Deutschland kaum eine Serie wie Dark produziert), so viel zerstört dieses durch und durch profit-orientierte Unternehmen. Natürlich muss mit Kunst auch Geld verdient werden, aber es ist traurig, wenn man das Gefühl hat, das sei der einzige Antrieb. Jeder regelmäßige Netflix-Nutzer kennt das Phänomen der schlechten dritten Staffel: eine Serie fängt gut an, erste Staffel ist super, zweite naja und in der dritten ist die Serie endgültig versaut und wird abgesetzt. So viele verkackte Stories, so viele aufwendig und extrem teuer produzierte Serien landen in der Mülltonne und verschwinden nach einem Tag aus dem Gedächtnis der Zuschauer*innen (erinnert sich noch irgendwer an „Marco Polo“, „Lovesick“, „Good Girls“ oder „Dear White People“?). Echte Quality-Serien wie aus den golden days of film-making, sind rar, Serien wie „The Wire“ oder „Breaking Bad“ kaum noch vorhanden. „Better Call Saul“ und „Ozark“ waren willkommene Ausnahmen.
In Dark gibt es einige Klischees, zB das Crazy-Ex-Girlfriend3 Hannah, die schüchterne Regina, die natürlich eine blasse, unsexy Brillenschlange ist, Ulrich, der Draufgänger-Polizist, der natürlich seine Frau betrügt. Dazu einige nicht durchdachte Momente und offen gebliebene Fragen, zb als Claudia Tiedemann sich 1986 mit High Heels in die Windener Höhlen abseilt. C´mon, das ist doch echt abgelutscht. Vor allem, weil sie es beim zweiten Mal wieder macht, lernt diese Figur nie dazu? Warum ist Charlotte Doppler als Erwachsener nie aufgefallen, dass sie Jonas schon kannte? Sie sind sich ja begegnet, als er in die Vergangenheit reiste und er sieht selbstverständlich genau so aus. Warum entscheidet sich Bartosz dazu, mit dem bösen Noah zusammenzuarbeiten? Wird nicht erklärt. Warum können alle lustig durch das Portal in den Höhlen in den Zeiten hin- und herreisen, nur Mikkel ist in 1986 gefangen und kommt nicht zurück? Keine Ahnung.
Alle sind, was man auch von ihnen erwartet, kein Charakter überrascht. Dark setzt auf spannende Momente, aber die Charaktere sind langweilig und vorhersehbar. Dazu haben sie keine Tiefe, man weiß nichts über sie. Sie entwickeln sich auch nicht. Wenn man schon einen Charakter in drei Versionen hat, wäre es doch spannend zu sehen, wie dieser Charakter sich verändert hat. Wie war Jonas, bevor sein Vater sich umgebracht hat? War er glücklich, vielleicht ein Anführer, ein cooler Typ, der jetzt total im Eimer ist? Und wäre er in der Zukunft zB auf einmal ein Showmaster mit einer coolen, arroganten Attitüde á la Böhmermann und würde eine witzige, alberne Seite seiner Persönlichkeit hervorholen? Oder der rebellische Ulrich, er könnte in der Zukunft überraschenderweise ein Psychologe werden und Tiefgang beweisen, der nach einem Unfall mit einer Behinderung leben muss und dabei alleinerziehender Vater von zwei Mädchen ist. Das würde einen mitreißen, man würde wissen wollen, was, zur Hölle, ist passiert? Aber in Dark sind alle, wie sie halt schon immer waren und entwickeln sich brav nach Schema F. Die Serie nimmt sich keine Zeit, ihre Figuren zu ergründen, sie ist zu sehr damit beschäftigt, die extrem umfangreiche Geschichte abzuhandeln und alle offenen Stränge immer zusammenführen, alle Andeutungen durch-erklären zu müssen, bis nichts Geheimnisvolles mehr übrig bleibt (bei einer Mystery-Serie…:D), weil alles ergründet, erklärt und durchexerziert wurde.
Es gab immer wieder Stellen, an denen man hätte mutiger sein können. Ulrich hätte das Kind Helge 1953 einfach wirklich töten müssen, alles wäre eskaliert und auf den Kopf gestellt. Das wäre so spannend gewesen! Der kleine Mads, der in Folge 10 in das Jahr 2019 zurück kommt; wie fesselnd wäre es gewesen, wenn er als Einziger überlebt hätte? Aber nein, er ist wie alle Kinder tot und alles geht weiter wie bisher. Jonas schmeißt seine Tabletten in den Müll, hallo, passiert jetzt endlich mal was? Dreht er durch, macht er irgendwas kaputt? Leider nein. Es werden immer dramaturgische „Anker“ ausgeworfen, etwas angefangen, aber es führt nie zu irgendwas. Es eskaliert nie richtig, die Spannung steigt und fällt direkt wieder ab. Die Ideen verlaufen sich, haben keinen Effekt. Schade, man hätte das alles so richtig auf die Spitze treiben und explodieren lassen können.
Insgesamt ist die erste Staffel von Dark ein interessanter Entwurf mit Potential, der noch nicht ausgearbeitet ist. Es sind gute Ideen drin und spannende Momente, aber vieles müsste noch verbessert, verfeinert und überarbeitet werden. Meine Professorin hätte gesagt, da müssen Sie nochmal dran. Und ich hätte es gehasst, aber am Ende hatte sie immer Recht.
Quellenangaben
- sowas sieht man häufiger in Kriminalgeschichten, wenn die Ermittler versuchen, einzelne Details eines Falls zusammenzubringen ↩︎
- als Übung könnte man sich mal Marlon Brando in „Die Männer“ ansehen: er nuschelt, verschluckt Wörter, bringt fast nie einen Satz zu Ende. Er unterbricht sich selbst, seine Stimme versagt, er setzt wieder an, verhaspelt sich. Es ist der Wahnsinn, was er alleine mit seiner Stimme anstellt ↩︎
- „(…) even though research shows no link between gender and co-dependency. In reality, men are far more likely to resort to aggressive behaviour after a break-up. So why is it that women are painted as universally responding to uncoupling with „insanity“? Zitat aus dem Video „The Crazy Ex-Girlfriend – a manufactured Trope“ des Youtube-Channels The Take, zu finden unter: https://www.youtube.com/watch?v=ghb1igsQUFY, abgerufen am 14.05.2023 ↩︎